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Maibaum

00-Agent

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41

Mittwoch, 27. November 2013, 22:09

Blind vor liebe ja, aber sie würde sich nicht in so einen Blender wie Yussef verlieben, während das mit Bond schon klar geht so wie es im Film beschrieben ist. Aber ich hatte das mit Yussef bislang auch nicht hinterfragt. Letztendlich akzeptiere ich auch ganz gerne die Prämissen von Filmen, auch da wo sie eigentlich unglaubwürdig sind.

Ansonsten hast du Recht was Flemings Romane betrifft in Bezug auf ihre Verfilmbarkeit. Nach TB hatte von den noch zur Verfügung stehenden Romanen nur noch OHMSS eine für den Film-Bond brauchbare Handlung, und das wurde dann ja auch der Letzte der noch größere Gemeinsamkeiten mit dem zugrunde liegenden Roman hatte. Das kräftige Aufpeppen mit zusätzlicher Action und anderen Sensationen (die die Handlung an sich oft gar nicht benötigt) wurde ja schon in FRWL massiv betrieben. Wahrscheinlich auch schon in DN, aber den habe ich bislang noch nicht wiedergelesen.

Allerdings würde ich schon unterscheiden zwischen den Filmen die noch auf Fleming basieren und denen die nur noch am Rande mit den Vorlagen zu tun haben. MR ist wohl kaum eine Romanverfilmung im Sinne des Wortes. YOLT war das auch schon nicht mehr.

Mister Bond

Felix Leiter

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42

Mittwoch, 27. November 2013, 23:24

Herzlichen Willkommen, Kananga! :winke:
Sehr guter Beitrag, nicht nur weil ich deinen Einwand sehr gut nachvollziehen kann.

Martin

Felix Leiter

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43

Donnerstag, 28. November 2013, 01:52

Von mir auch ein herzliches Willkommen, Kananga! Nachfolgend ein paar Anmerkungen zu deiner Kritik.

Denen allerdings, die diesen Film immer wieder als Meisterwerk loben, seien hier meine Kritikpunkte entgegengehalten: Zunächst einmal hat die Bond-Vesper Story eben NICHTs mit dem gleichnamigen Ur-Bond von Fleming zu tun. Flemings Bond ist nie unsterblich verliebt in Vesper, meines Erachtens investiert er in sie sogar weniger Gefühle als etwa in Tiffany Case in DAF. Er spürt ferner selbst an den Höhepunkten ihrer Affaire ihre deutliche Reserve und Ambivalenz gegen ihn. Und schließlcih trauert er niemals so schmalzig Kate Winslet-artig über ihren kuriosen titan(ic-)schen "Suizid" im versinkenden Palazzo, sondern ist vor allem verärgert darüber, dass dieses "Biest" ihn und den Secret Service verraten hat. Und das ist sein letztes Wort in dieser Angelegenheit. Am unerträglichsten finde ich es hier aber, dass Bond gerade im Film die entgegengesetzte Botschaft mitbekommt, die er im Buch empfängt: Dort kommt er zu dem Schluss, dass man am besten tut, alle Feinde Merry Old Englands ohne nutzlose Grübeleien zu bekämpfen (ein Weltbild, mit dem man sich ja nun nicht identifizieren muss), dass aber auf die Frauen kein Verlass ist. Im Film lernt er (natürlich durch Judi M), dass es aus PR-Gründen der Terrorismusjagd abträglich ist, Botschaften in die Luft zu jagen (das hätte der Originalbond ohnedies auch in jungen Jahren gewusst, denn blöde war 007 nie, ebensowenig wie übrigens primitiv), dass sich die ansonsten so grundlos zickige Eva aber "für ihn aufgeopfert" hat.


Ich gehöre auch zu den Bondfans, die über die Flemingschen Vorlagen nicht komplett die Nase rümpfen, aber gerade deshalb wiegt für mich die Tatsache, dass das Buch überhaupt mal ernsthaft verfilmt wurde, schwerer und positiver als die, dass es teilweise nicht mehr dem Spirit des Originals entspricht. Die Frage ist außerdem, ob man den Geist des Buches heute überhaupt adäquat hätte umsetzen können, bzw. ob es dann so ein großer Erfolg gewesen wäre. Und ich wage zu behaupten, Fleming wäre über die Tatsache, dass die Verfilmung seines Erstlings noch 2006 ein Kassenerfolg ist, hoch erfreut, und könnte über die Anpassungen an den Zeitgeist gut leben.

Unsterblich verliebt ist Bond im Roman vielleicht nicht, aber er hat schon ernsthafte Absichten und ist am Ende schockiert über ihren Selbstmord. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er diese Absichten auch schon, bevor er Vespers Reserviertheit und Depression zum ersten Mal deutlich spürt. Einen Satz wie "The bitch is dead" halte ich ebenso für einen Ausdruck gewaltsamer Verdrängung wie "We have all the time in the world". Bond versucht halt auf seine Weise damit klarzukommen, und das Ergebnis ist im Film dasselbe wie im Buch: Er wird ein noch entschlossenerer, kälterer Agent.

Conclusio: Die Liebesaffaire im Film ist letztlich nichts als ein maßlos überkanditeltes, political korrektes, Rosamunde-Pilcher imitiierendes Remake des ohnedies aus anderen Gründen problematischen Lacenby-Rigg Plots aus OHMSS. Überhaupt wird bei DCs Erstauftritt klar, dass nunmehr nicht allein das Ziel ist, weibliche Seher zu gewinnen, dies war ja schon das durchaus legitime Ziel der PB-Ära. Nein, es existiert nunmehr längst eine ausschließliche weibliche (oder besser, barbara broccolische) DEFINITIONSHOHEIT über Bond. Craig ist nichts anderes als der exemplarische postfeministische Macho-Softie, der Muskeln an den richtigen Stellen hat, viel mehr Fleisch zeigt als das Bondgirl, sehr machohaft tut, aber nach innen, da ist er ohnedies ganz weich, wenn die Richtige kommt, nicht wahr? (Ob allerdings "Du bist eine blöde Kuh" der approbate Weg ist, stilvoll seine Männlichkeit zu artikulieren? Aber ok.)


Ich habe manchmal auch leichte Bauchschmerzen beim verliebten, trauernden und vor allem heulenden Bond und hoffe, dass man damit auf längere Sicht nicht die Büchse der Pandora geöffnet hat, aber letztendlich gilt für ein Franchise auch "whatever works". Broccoli hätte sicher auch bei DAD weitermachen und Bond barfuß auf einem Lavastrom surfen lassen können, aber ich denke, man hat den Brosnanfilmen letzten Endes angemerkt, dass sie sich damit nicht hundertprozentig identifizieren konnte. Craigs Bond ist sicher tatsächlich der weiblich definierte Bond, aber ich denke, etwas anderes blieb Broccoli letztlich auch nicht übrig, als sich die Figur zu eigen zu machen. Und bei aller Kritik haben CR und SF für die Allgemeinheit prächtig funktioniert. Mir ist ein lebender postfemininer Macho-Softie lieber als ein toter kalter Krieger.

Die Frage ist für mich auch, ob es möglich ist, Bond echte Gefühle zuzugestehen, ohne dass es für einige kitschig wirkt. Selbst das Ende im Roman wirkt auf einige hier schmalzig, also wohl eher nicht. Dafür ist der Zeitgeist heutzutage zu zynisch und emotional verkrüppelt. Filmklassiker wie "Von Winde verweht" oder "Doktor Schiwago" würden wohl heute nicht mehr funktionieren. Von daher fand ich es eigentlich eher mutig, dass man da Nägel mit Köpfen gemacht hat und den beiden eine echte Liebesbeziehung und ein packendes dramatisches Ende zugestanden hat. Das funktioniert für mich auf jeden Fall tausendmal mehr als das halbgare Drama mit Paris oder Electra. Davon abgesehen empfindet Bond auch im Film noch Wut selbst in der größten Trauer, wie sich bei der Schießerei im Palazzo und im Telefonat mit M zeigt.

Ad. Stilbruch: Bond nach Ian Fleming ist vielleicht nicht so ganz Lord Sinclair mäßig wie der unvergleichlicher Sir Roger (Fleming selbst allerdings hielt anfänglich Connery für zu "proletenhaft" für die Rolle). Aber er ist doch bitte jedenfalls von ADEL, er hat den Stil seiner Klasse oder seines Milieus einmal aufgesogen und dass er ein Waisenkind ist bzw. aus Eaton veriwesen wurde tut, tut dem keinen Abbruch. Ein Mann, der seine gute Kleidung "mit Verachtung" trägt ist er einfach nicht, ebensowenig jemand, dem im Film egal ist, wie sein Drink ihm verabreicht wird während er im Originalbuch diesen Drink erst ERFINDET und lang und breit erklärt, warum er so eine besondere Vorliebe für equisites Essen und Drinken hat.


Das ist ein Kritikpunkt, den ich gut nachvollziehen kann. Ich finde Craig in CR teilweise auch ein bisschen zu prollig, vor allem da er laut SF ja nun doch nicht aus so einfachen Verhältnissen zu stammen scheint. Aber letztendlich hat dieses Schockieren der langjährigen Zuschauererwartung auch super funktioniert. Ich denke, die Craigfilme funktionieren vor allen bei den Zuschauerschichten, die früher bei Bond dachten "Kennste einen, kennste alle".

Schließlich: das Kartenspiel: schon im Buch ist das für jemanden, der nicht selbst sein Leben dem Spieltisch verschrieben hat, eine ziemlich Durstrecke, die auch durch das Reichen vergifteter Cocktails und das Ansetzen von Defilibratoren viel erträglicher wird. Aber bitte, warum in aller Welt kann Bond nicht Bakkarat spielen? Warum um alles in der Welt muss er ausgerechnet pokern? In MR spielt er Bridge, na gut, in GF Canasta, aber pokern? Irgendwo wird einmal erwähnt, dass er dabei was verloren hat, aber ansonsten nimmt Poker im Unviersum der beliebtesten Bondspiele einen äußerst subalternen Rang ein.


Hier kann ich die Kritik nicht so ganz nachvollziehen. Du schreibst, dass das Kartenduell schon im Buch eine Durststrecke ist. Genau das war aber der Grund, warum man sich für Poker entscheiden hat, weil da im Gegensatz zu Baccarat wenigstens viele Zuschauer die Regeln kennen, und das Spiel somit nachvollziehbarer und damit spannender wird.

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Donnerstag, 28. November 2013, 05:44


Schließlich: das Kartenspiel: schon im Buch ist das für jemanden, der nicht selbst sein Leben dem Spieltisch verschrieben hat, eine ziemlich Durstrecke, die auch durch das Reichen vergifteter Cocktails und das Ansetzen von Defilibratoren viel erträglicher wird. Aber bitte, warum in aller Welt kann Bond nicht Bakkarat spielen? Warum um alles in der Welt muss er ausgerechnet pokern? In MR spielt er Bridge, na gut, in GF Canasta, aber pokern? Irgendwo wird einmal erwähnt, dass er dabei was verloren hat, aber ansonsten nimmt Poker im Unviersum der beliebtesten Bondspiele einen äußerst subalternen Rang ein.


Hier kann ich die Kritik nicht so ganz nachvollziehen. Du schreibst, dass das Kartenduell schon im Buch eine Durststrecke ist. Genau das war aber der Grund, warum man sich für Poker entscheiden hat, weil da im Gegensatz zu Baccarat wenigstens viele Zuschauer die Regeln kennen, und das Spiel somit nachvollziehbarer und damit spannender wird.
Abgesehen aber davon, dass Bakkarat nun einmal Bonds Spiel ist, sind die Regeln für Zuschauer, die das Spiel bis dato nicht kannten, in einem Satz erklärt. Bei Texas Holdem Poker ist das bestimmt nicht zu machen.
God save the Queen!

Scarpine

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Donnerstag, 28. November 2013, 10:30

Aber letztendlich hat dieses Schockieren der langjährigen Zuschauererwartung auch super funktioniert. Ich denke, die Craigfilme funktionieren vor allen bei den Zuschauerschichten, die früher bei Bond dachten "Kennste einen, kennste alle".


Perfekt auf den Punkt gebracht, Martin. Und "Quantum of Solace" hat den Produzenten gleichzeitig die Grenzen dieser gegen die Erwartungshaltung gerichteten Ausrichtung aufgezeigt. Von inhaltlichen/konzeptionellen Neujustierungen lassen sich die Zuschauer größtenteils positiv überraschen, aber nicht von stilistischen Änderungen. So hat der Einsatz von mehreren teils rasanten Schnitttechniken die Zuschauer mehrheitlich vor den Kopf gestoßen. Trotz allem erwarten die Kinobesucher von einem Bondfilm ein klassisches Erzählschema, während sie inhaltliche Neuerungen eher akzeptieren können. Die epischen, klassisch erzählten 140-Minüter "Casino Royale" und "Skyfall" treffen da hingegen perfekt den Nerv der Zeit, liegt doch die Laufzeit vieler Blockbuster heute eher im Bereich von 130-150, als in der Spanne von 100-120 Minuten. Und dass Bond nun endgültig auch Zuschauerschichten erreicht, die zuvor bei einem Bondfilm abgewunken hätten, zeigt der Umstand, dass "Skyfall" mit seinem Einspielergebnis nun in die Regionen von "Fluch der Karibik", "Star Wars" und der "The Dark Knight"-Reihe vorgestoßen ist. Auch wenn man mit der Neuausrichtung einige Alt-Fans verprellt hat, zahlt sich der Reboot finanziell bisher für Eon, MGM und SONY doch mehr als aus.
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kananga

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Donnerstag, 28. November 2013, 17:41

Zunächst einmal: herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme im Forum und die teils so freundlichen Rückmeldungen. Das tut einem alten Bondianer in der Seele wohl. Mir war auch völlig klar, dass meine zugespitzten Thesen nicht auf allgemeine Zustimmung stoßen würden. Ich möchte vielleicht zunächst eine grundsätzliche Stellungnahme abgeben, um ein vielleicht entstandenes Missverständnis aufzuklären, und mich dann vielleicht noch detailliert auf manche Kritik replizieren.

Zunächst einmal: ich bin KEIN Fleming Purist in diesem Sinne, dass ich Bond-Filme NUR und AUSSCHLIESSLICH als 1:1-Umsetzungen der Romane einfordere. Im Gegenteil, ich bin ein großer Fan der durch die Namen Guy Hamilton und Lewis Gilbert markierten Phase der augenzwingernd-selbstironischen Übersteigerung der Rolle, zumal wenn sie durch geistfunkelnde Bonmots v.a. Sir Rogers begleitet wird (diese grundsätzlich als positiv bejahte Entwicklung grenze ich allerdings vom Klamauk ab, der seit DAF eingerissen ist). Ich sehe diese Art von Bondfilmen, die schon bei GF beginnt, gleichwertig neben der von mir auch geschätzten Intepretation der ersten beiden Young -Filme.

Ich halte es auch für ohne weiteres argumentierbar, etwa das von Fleming selbst wenig geschätzte Buch TSHLM durch eine ausgesprochen gelungene und charmante Filmstory zu ersetzen. Ich meine, dass diese Art der Interpretation sich aber auch auf Fleming berufen konnte. So gibt es eine Reihe von Bemerkungen, die eine zumindest partielle selbstiornische Distanz des Autors zum eigenen Werk bezeugen. (Ich meine, es war sicher schon so, dass Ian wusste, nciht selbst Bond zu sein. Aber er wäre es ebenso sicher gerne gewesen. ) Auch werden seit dem zweiten Buch TLALD häufig märchenhaft-surrealistische Plots mit Realismus nur suggerierenden Details versehen. Und selbstverständlich waren von DN an Konzessionen an den Zeitgeist wahrzunehmen, etwa wenn filmisch keine Smersch-Agenten gejagt werden, sondern lediglich (wenn auch natürlich auf Fleming selbst zurückgehende) tigerimitatstreichelnde Fantasiesuperschurken. Auch manche der Adaptierungen, die am Beginn der Brosnan-Ära etwa in GE
versucht wurden,um einehalte ich zumindest im gedanklichen Ansatz für
richtig und anerkennenswert.Auch eine weibliche M, ein schwarzer Felix Leiter usw. ist für mich vertretbar.

Aber gerade der Urbond CR war doch ein aufgelegter Elfmeter für jene Spielart der Puristenfraktion, die ständig den härteren, menschlicheren, realistischeren Bond einforderte. Ich habe ja, wie gesagt, nichts gegen diesen. Nur allen, die überschwänglich die Verwandlung dieses Penaltys priesen, muss ich entgegenhalten, er wurde leider verschossen!

Denn Fleming zeigte gerade in CR und u.a. dem Vesper-Bond Plot deutlich, wie Bond das wurde, was er ist: der erste reflektiert gezeichnete Anti-antiheld der beginnenden Postmoderne. Das hängt ganz eng mit der eigenen Spielart von Konservativismus zusammen, die Fleming nun einmal eigen war und der schon zum Zeitpunkt der Bond-Filme ein ähnlicher Anachronismus ist wie für viele eine Queen im 20. Jahrhudnert. Aber sie reagiert ja immer noch, oder? (Nicht umsonst trank Fleming mit seinem Freund, dem alten empireverliebten Whig Sir Winston, gerne eine Tasse Tee oder Hochprozentigeres).

Bond ist, da wird mir wohl kaum jemand widersprechen, KEIN Gentleman, im Sinne etwa eines christlich geprägten Weltbildes, im Sinne der anderen großen Figur der britischen Unterhaltungsliteratur, Sherlock Holmes. Nein, er ist ein Angehöriger einer im Grunde nihilistischen Lost Generation. "Weder Gott noch Marx", diese Devise, die für Flemings Antipoden John LeCarre beansprucht wurde, trifft durchaus für 007 zu. Aber während andere mit linksliberaler Äquidistanz zu beiden Supermächten durch und durch gebrochene Antihelden zeichnen, die sich hoffnungslos in ihren eigenen Selbszweifeln verirren, sagt Flemings Charakter ganz bewusst: Zum Teufel mit den Zweifeln, alles für Old England! Ich stimme durchaus zu, dass Bond emotional sehr engagiert war, zumindest viel mehr als er selbst anfänglich wollte. Aber es fand eben NICHT das statt, was im Film so überschwänglich zelebriert wurde: die Seelenverschmelzung. Vesper liebte einen anderen, oder eigentlich liebte sie zwei Männer und wurde Opfer dieser Ambivalenz. Jetzt würde ein Frauenversteher erst Anfangen, sich in Vespers Situation zu versetzen oder über das eigene emotionale Unvermögen oder Ähnliches nachdenken. Aber eben diese unendliche Vielfalt der Fasern der weiblichen Seele, der sich so viele Weltliteraten in großen Kunstwerken angenähert haben, interessiert Bond nicht. Die Frau hat ihr Vaterland verraten, basta. Weiter zu denken weigert er sich einfach. Man muss es nicht möge, man kann diesen Standpunkt spätpubertär nennen, aber eben deshalb ist er eben Bond, James Bond. Und deshalb wurde er es. Snob, Aristokrat, Macho, Frauenheld. Ihn anders zu zeigen, kann gewiss versucht werden, ich halte es grundsätzlich für dasselbe, wie einen gewissen Prinzen von Dänemark als Sanguiniker aufzuführen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »kananga« (28. November 2013, 18:19)


Spree

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Donnerstag, 28. November 2013, 19:41

Ich kann allen deinen Argumenten nur aufs Heftigste widersprechen. Die Liebesgeschichte in CR wirkt auf mich absolut überzeugend (viel mehr als bspw. in OHMSS, den Pilcher-Vergleich finde ich übelst unangebracht :devil: ) und Craig gibt sich anfangs zwar leicht prollig, aber längst nicht so, als würde es nicht zu seiner zwar adligen Herkunft passen, die durch die Erziehung in Internaten/Heimen natürlich stark verwässert wurde.
Trotzdem willkommen im Forum, aber CR muss ich einfach schützen, und zwar als alter Fan von Sir Rogers Bond - immerhin das verbindet uns zwei.
I never left!

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48

Donnerstag, 28. November 2013, 20:24

(...) Das hängt ganz eng mit der eigenen Spielart von Konservativismus zusammen, die Fleming nun einmal eigen war und der schon zum Zeitpunkt der Bond-Filme ein ähnlicher Anachronismus ist wie für viele eine Queen im 20. Jahrhudnert. Aber sie reagiert ja immer noch, oder? (Nicht umsonst trank Fleming mit seinem Freund, dem alten empireverliebten Whig Sir Winston, gerne eine Tasse Tee oder Hochprozentigeres).
(...) er ist ein Angehöriger einer im Grunde nihilistischen Lost Generation.(...) Aber während andere mit linksliberaler Äquidistanz zu beiden Supermächten durch und durch gebrochene Antihelden zeichnen, die sich hoffnungslos in ihren eigenen Selbszweifeln verirren, sagt Flemings Charakter ganz bewusst: Zum Teufel mit den Zweifeln, alles für Old England! (...)
Die Frau hat ihr Vaterland verraten, basta. Weiter zu denken weigert er sich einfach. Man muss es nicht möge, man kann diesen Standpunkt spätpubertär nennen, aber eben deshalb ist er eben Bond, James Bond. Und deshalb wurde er es. Snob, Aristokrat, Macho, Frauenheld.(...)
Hochgeschätzter Kananga,

Dein zweiter Post dringt noch tiefer in die Ebenen ein, in denen viele meiner Fragen, die ich seit einigen Jahrzehnten versuche zu beantworten, ihrer Lösung harren. Wer ist Bond? Was treibt ihn an? Was gibt ihm Hoffnung und Grund zur Existenz? SF war in dieser Richtung eine Fundgrube für mich. Besonders aber die vielen Diskussionen, die ich in diesem Forum die Ehre hatte, erleben zu dürfen. Deine Verwendung des Begriffs "Lost Generation" schlägt eine Brücke zu Hemingway, den ich im Thread "Bonds private Seite" einmal heranzog. Auch der Konservatismus, den Du ins Spiel bringst, stellt eine Grund-Färbung dar, die vermutlich von manchem nicht gern wahrgenommen würde und daher auch nicht gesehen wird. Es gibt hier eine handvoll Autoren (ich sage nicht, wer - denn ich schätze sie alle) die mit Dir in der gleichen Liga spielen und deren Beteiligung (wie jetzt auch Deine) dieses Forum auf ein von mir gänzlich unerwartetes Niveau gehoben hat (und immer mehr hebt). Ich bin Euch gegenüber von großer Bewunderung ergriffen (obgleich mir bewusst ist, dass man derartigen Bekundungen heute gespalten gegenübersteht). Also nimm Du, kananga, ( und auch Ihr anderen) es schlicht als einen tief empfundenen Ausdruck der Wertschätzung an!
God save the Queen!

Scarpine

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49

Donnerstag, 28. November 2013, 20:44

Aber eben diese unendliche Vielfalt der Fasern der weiblichen Seele, der sich so viele Weltliteraten in großen Kunstwerken angenähert haben, interessiert Bond nicht. Die Frau hat ihr Vaterland verraten, basta. Weiter zu denken weigert er sich einfach. Man muss es nicht möge, man kann diesen Standpunkt spätpubertär nennen, aber eben deshalb ist er eben Bond, James Bond. Und deshalb wurde er es. Snob, Aristokrat, Macho, Frauenheld. Ihn anders zu zeigen, kann gewiss versucht werden, ich halte es grundsätzlich für dasselbe, wie einen gewissen Prinzen von Dänemark als Sanguiniker aufzuführen.


Grundsätzlich hast du ja recht. Aber letztlich bleibt auch Flemings Bond in dieser Frage ambivalent. In "On Her Majesty’s Secret Service" wird schließlich enthüllt, dass Bond einmal pro Jahr Vespers Grab besucht (in diesem Fall zum zehnten Mal). Wenn ich es richtig rekapituliere, schreibt Fleming, dass es Bond einmal jährlich "zum Ort dieser Tragödie" zurückziehe oder so ähnlich. Selbst Fleming war hier demnach nicht so konsequent. Bond schiebt das Ganze in den hintersten Winkel seines Herzens, aber es nagt eben doch an ihm. Und daher ist es - wie ich finde - durchaus legitim, dass die Macher diesen Aspekt etwas ausgestaltet haben. Ein simples "The bitch is dead." wäre dem Publikum sicher sauer aufgestoßen. Eine gewisse Reserviertheit Vespers ihm gegenüber spürt Bond ja auch im Film. Etwa wenn sie ihm das Reserve-Geld verweigert, während des Abendessens und ganz besonders in der Strand-Szene: "Hat jeder von uns ein Zeichen?" "Jeder. Mit Ausnahme von dir." Ich finde auch, dass Eva Green es sehr gut geschafft hat, den geheimnisvollen und unzugänglichen Aspekt von Vespers Persönlichkeit zu unterstreichen. Insofern, ja: Der Film beschönigt und verändert hier und da, aber man kann nicht wirklich sagen, dass die filmische Charakterzeichnung Flemings ursprünglicher Intention entgegensteht. Und damit auch von mir: Herzlich Willkommen im Forum!
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kananga

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Freitag, 29. November 2013, 10:54

Ich bedanke mich nochmals für das Lob und die Wertschätzung, die freundlichen Willkommenswünsche und die vielen Rückmeldungen. Mr.Fogg: Dein Lob ist eine große Ehre für mich u. ich hoffe, ihm künftig gerecht zu werden. Denen, die ich vielleicht durch meine Craig-Kritik zu nahegetreten bin, möchte ich nocheinmal versichern, dass ich große Freude an einigen virtuosen Szenen dieses Films habe, etwa an der Dinner-Jacket Szene u. der Schlusszene.

Zum Thema Bond und Zeitgeist möchte ich nochmals anmerken, dass meiner Ansicht nach ALLE Bondfilme anachronistisch waren und Bond der Popkultur, zu deren Teil er wurde, in vieler Hinsicht von ANBEGINN an entgegenstand. Es ist ja bezeichnend, dass ein Mitglied der berühmten Band, die man laut GF nie ohne Ohrenschützer zuhören darf, später für einen der poplärsten Bondsongs verantwortlich zeichnete. Schon in den 60ern rannten die jungen Leute nicht mehr mit Anzügen herum wie sie der große Sir Sean Connery trug. Auch die politische Mentalität entsprach nicht mehr der der 50er Jahre, was ja auch in den Filmen zum Ausdruck kommt. Dennoch wurden von Connery und, wie ich behaupte, auch Moore grundlegenden Intentionen des Autors entsprochen (wenn auch auf verschiedene Weise). Dies gilt auch noch, wenngleich mit Abstrichen, für die Brosnan-Filme, vor allem GE gefällt mir in dieser Hinsicht. lg

Felix Leitner

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Freitag, 29. November 2013, 13:03


Zum Thema Bond und Zeitgeist möchte ich nochmals anmerken, dass meiner Ansicht nach ALLE Bondfilme anachronistisch waren und Bond der Popkultur, zu deren Teil er wurde, in vieler Hinsicht von ANBEGINN an entgegenstand. Es ist ja bezeichnend, dass ein Mitglied der berühmten Band, die man laut GF nie ohne Ohrenschützer zuhören darf, später für einen der poplärsten Bondsongs verantwortlich zeichnete. Schon in den 60ern rannten die jungen Leute nicht mehr mit Anzügen herum wie sie der große Sir Sean Connery trug. Auch die politische Mentalität entsprach nicht mehr der der 50er Jahre, was ja auch in den Filmen zum Ausdruck kommt. Dennoch wurden von Connery und, wie ich behaupte, auch Moore grundlegenden Intentionen des Autors entsprochen (wenn auch auf verschiedene Weise). Dies gilt auch noch, wenngleich mit Abstrichen, für die Brosnan-Filme, vor allem GE gefällt mir in dieser Hinsicht. lg


Das ist richtig. Weder die 70er, 80er oder 90er hatten eine Heldenfigur im Bond-Format. Der promiskuitive Gentleman gilt seit Ende der 60er als Anachronismus, was ja auch für Lazenby (laut seinen eigenen Worten) mit ein Grund war, keinen zweiten Anlauf zu wagen. In den 70ern begegnete man dieser Problematik mit zunehmender Ironisierung und der Strategie, die Figur Bond in großes Spektakeltum einzubetten und nicht mehr unbedingt in den Mittelpunkt zu stellen, was Connery in YOLT noch ziemlich gelangweilt hat, einem Seriendarsteller wie Moore aber sicher entgegenkam. Man kann das schon an den Filmplakaten der 70er erkennen, auf denen 007 zum kleinen Manschgerl zwischen Explosionen und Sensationen schrumpfte.

Nach der durch vielerlei Umstände verunglückten Dalton-Neuorientierung, versucht der Craig-Bond nun, sowohl den post-feministischen als auch den Retro-Zeitgeist zu bedienen - und das mit großem Erfolg.
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kananga

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Freitag, 29. November 2013, 14:05

In vieler Hinsicht einverstanden, Felix Leitner. Ich denke, der Punkt, wo sich offensichtlich wirklich die Geister scheiden, ist, ob man sich mit einem Bond abfinden kann, der in solchem Ausmaß die Definitionshoheit über die eigene Männlichkeit verloren hat wie der arme Daniel Craig. Es geht ja dabei keineswegs nur um die Softie/Macho Thematik vielmehr ist ja bekannt, wie gerade die postfeministische Damenwelt von einer Art von domestizierten Macho schwärmt. Aber eben nur gerade in den Punkten, wo er den Frauen gefällt (z.B muskulöser Oberkörper). Nicht, dass ich fordere, das Frauenbild von Fleming oder die Haltung etwa eines Sean Connery gegenüber Tatjana/Pussy etc. wiederzubeleben. Zugeständnisse an die Emanzipation gab es ja auch bei Moore und stärker noch bei Brosnan. Ich fand die aber keineswegs störend. Aber bei Craig ging das ja eigentlich schon los, als er vor CR ständig als "Weichei" verhöhnt und Geschichten über seine angebliche Mimonsehaftigkeit verbreitet wurden, als ob dies für seine Rolle irgendwie relevant wäre. Ich kann mich noch an ein Interview mit Sir Roger erinnern, wo der ausgiebig über seine zahllosen Phobien sprach und mit breitem Grinsen sagte: "Ich bin ein Feigling", Er wirkte dabei nicht weniger souverän. I

kananga

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Freitag, 29. November 2013, 14:09

P.S: zu Eva Green: ich finde sie sieht hätte tatsächlich eine tadellose Vesper abgegeben. Die Hauptschuld an dem Stilbruch der Craig-Ära sehe ich nicht bei den Akteuren, eigentlich auch nicht bei DC selbst.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »kananga« (29. November 2013, 14:26)


Felix Leitner

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Freitag, 29. November 2013, 14:53

@Kananga

Ehrlich gesagt, verstehe ich dich immer noch so zu 100% . Was hat jetzt die etwas unglückliche CR-PR-Aktion und das alberne Bashing von Craig mit seiner Rollengestaltung zu tun? Das sind doch zweierlei Stiefel.

Ich finde, dass es keine schlimmeren Emanzipations-Einlagen bei Bond gab als die schwachsinnige "Dinosaurier"-Offensive von M in GE und Ms "Ich muss nicht mit dem denken, was mir fehlt"-Bemerkung in TND. Das war gröbster Holzhammer und hat mein Verhältnis zu Judi Denchs anfänglich sehr belastet. Das Schlimmste: Brosnan-Bond hat sich diese Gardinen-Predigt auch noch gefallen lassen (wahrscheinlich hat er sich geschämt).
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kananga

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Freitag, 29. November 2013, 16:42

Ich nehme den Einwurf zur Kenntnis und widerspreche meinerseits;). Gerade GE ist für mich ein gelungenes Beispiel, wie man Bond mit dem vielzitierten Zeitgeist konfrontiert, ohne an seinem Wesenskern etwas zu ändern. Bond reagiert auf die neuartigen femininen Anwürfe und Herausforderungen in GE mit gewohnter Süffisanz, wie sich zB. auch vorher bei der Psychologinnen-Verfolgungsjagd und im Geplänkel mit Moneypenny zeigt. zeigt "wie Du siehst, habe ich keine Probleme mit weiblicher Autorität" bzw. "sexuelle Belästigung - welche Strafe steht darauf?". Hättest Du an der von Dir genannten Stelle erwartet, dass er mit seiner Chefin zu streiten beginnt? Das macht 007 m.E. nicht, außer wenn es um eine Aufgabe geht, die er persönlich als wesentlich ansieht wie in OHMSS oder LTK. Er nimmt ja auch zB NSNA die Diätideen des neuen M gehorsam zur Kenntnis. Judi Dench machte für mich übrigens einen guten Job. Alle diese Dinge sind für mich viel leichter verkraftbar, weil sie sozusagen peripher sind und nicht grundlegende Charakterelemente von 007 tangieren.

Zu Craig und der in der Tat albernen Kampagne gegen ihn. Ich wollte hier natürlich nicht Psychologe spielen und behaupten, wie und ob diese Kampagne ihn irgendwie in seiner Rollenauffassung beeinflusste. Aber ich finde sowohl die Kampagne als auch dann den überschwänglichen Jubel über seine Rollengestaltung als Zeitgeistphänomen sehr interessant. Ich nahm hier die gegenteilige Position zur Masse ein. Ich habe ihn nicht gebasht, war dann aber, im Gegensatz zu vielen, auch nicht total hingerissen nach der ersten Vorführung von CR.

Spree

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Montag, 23. Dezember 2013, 23:36

Wie im QOS-Thread schon beschrieben, hier meine Anmerkungen nach dem Double-Feature:
Es war das reinste Fest. Zu spät ist mir leider erst der Gedanke gekommen, mir dazu einen guten Roten zu gönnen.
In diesen beiden Filmen steckt soviel emotionale Tiefe wie sonst in der restlichen Serie zusammen nicht.

Hier ein paar Kleinigkeiten, die mir diesmal aufgefallen sind:
Vespers Rolle für die Entwicklung Bonds wurde bzgl. der emotionalen lucianAbschottung ja schon öfter ausführlich beschrieben, mir ist heute aber auch aufgefallen, dass sie zu Bonds Seelenrettung trotz oder gerade durch ihren Verrat erheblich beiträgt.
Zu Beginn von CR ist Bonds Welt buchstäblich, aber auch metaphorisch nur schwarz und weiß (siehe PTS). Er beschäftigt sich nicht mit seinen Opfern ("Wir haben uns kaum gekannt."), er fragt nicht nach, er führt seine Befehle aus, weil er weiß - bzw. gesagt bekommt - wer gut und wer böse ist. (Darüber führt er sogar eine Unterhaltung mit Solange, wenngleich vielleicht nicht 100% ernsthaft. Für ihn gibt es nichts dazwischen.) Auch im Roman hat er mit Mathis lange Auseinandersetzungen zu diesem Thema.
Er bemerkt jedoch an sich selbst, wie ihm dieser Beruf emotional zu schaffen macht.

In Vesper sieht er später die Chance zum Ausstieg (ähnlich zu Tracy) und man darf wohl annehmen, dass die Wochen/Monate mit ihr nach seiner Genesung die glücklichste Zeit seines Lebens waren. Diese Chance ist mit ihrem Tod erstmal dahin, auch deshalb spürt man seine Trauer und Wut besonders deutlich: Er trauert nicht nur um den geliebten Menschen, er trauert m.E. auch um sein eigenes Leben und seinen Seelenfrieden, seine Zukunft mit ihr. Wenn wir ehrlich in uns hineinsehen, erkennen wir, dass Trauer bei einem Todesfall zumindest teilweise oft mit "egoistischen" Gefühlen verbunden ist. Man will den Menschen um sich selbst willen nicht verlieren. Ich finde der Film fängt diese Stimmung toll ein, ich kann diese Gefühle zumindest sehr gut nachvollziehen.

Aber auch nach Vespers Tod hat Bond sich verändert: die Todesfälle, die er anfangs in QOS anhäuft sind eher Notwehr geschuldet, als blinden Rachegefühlen.
Am Ende von QOS schließt sich dann der Kreis: Wir sehen Bond in derselben Situation wie anfangs in CR, aber diesmal in Farbe und diesmal mit einer weiteren Person, die eine zwielichte Rolle - ähnlich der Vespers - spielen hätte sollen. Auch Corinnes Leben ist von Bonds Entscheidungen betroffen und er weiß das und handelt danach. In der CR-PTS ist ein Bruchteil lang Drydens Familie auf einem Foto zu sehen, das sofort wieder verschwindet. Es spielte damals für Bond keine Rolle. Heute ist er gereift und hat auch sein schwarz-weiß-Denken abgelegt. Und folgerichtig tötet er auch Vespers "Mörder" nicht. Diese Botschaft, die in CR begonnen und in QOS meisterhaft fortgesetzt wurde, macht die Qualität dieser Filme zum großen Teil mit aus und verschafft ihnen einen Sonderplatz in der Reihe. Er vergibt Vesper (weil er weiß, was sie für ihn/mit ihm gemacht hat), er vergibt aber auch seinem alten Ich und schlägt - zwar alleine - einen neuen Weg ein. Er ist keine "Waffe auf zwei Beinen" (CR) mehr, er beurteilt die Situationen selbst und versucht so gut wie möglich in ihnen zu handeln. Damit entspricht er Mathis' Bitte bei dessen Tod, aber auch Ms Hinweisen, nachdem er die Botschaft in Madagaskar hochgenommen hat.

Außerdem ist diese Erkenntnis Bonds der eigentliche Brückenschlag zum früheren, z.B. Moores Bond, dem Craig ja in SF in einigen Szenen noch näher gekommen ist. Moore betonte stets, dass Bond es hasst, einen kaltblütigen Mord auf Befehl ausführen zu müssen (ich glaube das war in den Romanen v.a. in der Kurzgeschichte AVTAK enthalten), auch Dalton betont diese Zwiespältigkeit in TLD bei Saunders ("Ich töte nur Profis."), Brosnan ggü. Renard in TWINE.

Verzeiht, wenn ich ein bißchen ins Plaudern und ins Schwärmen geraten bin. Auf euer Feedback - positives wie negatives - zu meinen Ausführungen wäre ich sehr neugierig. Seht ihr es ähnlich oder bin ich auf dem Holzweg?
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Feirefiz

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Montag, 23. Dezember 2013, 23:53

Von mir ein klares: :thumbup:

Meines Erachtens haben die Craig-Filme Bond zwar von der Selbstzitate-Revue der Brosnan-Ära in die Moderne überführt (wenngleich schon in jedem Brosnan-Film Ansätze steckten, die das bei einer konsequenten Ausführung hätten leisten können), doch ist ihre besondere Leistung - und das schließt QOS ohne jede Abstriche mit ein -, dass sie nicht mit allen Traditionen brechen (trotz der Abkehr anfänglich ausdrücklichen Abkehr von den Bond-"Klischees"), sondern das, was etwa in OHMSS, den Daltons (da magst Du sicher nicht uneingeschränkt zustimmen wollen, Spree ;) ), aber auch in Momenten und Motiven aller anderen Darsteller angelegt war, zu einem psychologisch stimmigen Aufhänger der "Neu"-Konzeption Bonds im Rahmen des Reboots machen. Man mag gerade als klassischer Bond-Fan hier und da oder auch allgemein mit der Konsequenz oder der Auslegung Bonds in der Craig-Ära hadern, aber es gibt kaum etwas, das von den vorherigen Bond-Konzeptionen so weit abweicht, dass selbst der größte Traditionalist mit Recht behaupten könnte: "Steht zwar Bond drauf, ist aber nicht Bond." Wie gesagt, die Schwerpunktsetzung muss nicht jedermanns Sache sein, aber selbst in den radikalsten Momenten sehen wir m.E. die stimmige Modernisierung bekannter, wenngleich nicht immer prominenter Bond-Elemente, und das bei drei formal so unterschiedlichen Filmen wie CR, QOS und SF!
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Moved earth and heaven, that which we are, we are —
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Spree

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Dienstag, 24. Dezember 2013, 00:02

Danke für dein Feedback!

Dalton hatte grundsätzlich mit seiner Rollenauffassung, Bond menschlicher zu machen und wieder stärker an Fleming zu orientieren schon recht, das erkenne ich auch unumwunden an. :thumbup:
Jedoch empfinde ich TLD da aufgrund zuvieler missratener Spielereien zwischendurch (was nicht jeder so sehen wird) als nicht konsequent genug. Man überlegte ja schon vor TLD einen Reboot vorzunehmen, Cubby legte wohl sein Veto ein, aber es hätte dem Film wohl nicht geschadet.

Daher sehe ich LTK als den besseren Film an, jedoch geht der in einigen Momenten in aller Konsequenz allerdings in die m.E. "falsche" Richtung (ich empfinde QOS in seiner Aussage zum Thema Rache als Anti-LTK). Den zwinkernden Fisch am Ende hätte es aber natürlich nicht gebraucht. ;-)

Vielleicht wäre ein dritter Dalton 1992 doch der Durchbruch gewesen.

Bei OHMSS sehe ich leider immer einige handwerkliche Fehler. Zudem haben die Produzenten wohl Schiss vor der eigenen Courage gehabt und den eingschlagenen Weg mit DAF komplett wieder verlassen. Aber das musste damals wahrscheinlich so sein. :|
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Feirefiz

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Dienstag, 24. Dezember 2013, 00:19

Dass die Produzenten nach dem kommerziell guten und doch für Bond enttäuschenden Abschneiden von OHMSS und Lazenbys Ausstieg die Linie nicht fortgesetzt haben, sondern mit dem alten Star SC eher an dessen letztes Werk anknüpften, ist in der Tat nicht mutig, aber auf seine Weise doch konsequent, und Bonds Karriere in den 70ern hat ihnen ja auch recht gegeben. TLD habe ich erst kürzlich wieder gesehen und fand die Mischung aus klassischem Bond und neuer Emotionalität überaus gelungen, das liegt aber wie alles im Auge des Betrachters, ebenso die Ausrichtung von LTK. Natürlich muss man LTK und Daltons Bond-Interpretation nicht goutieren, was mich aber immer wieder wundert - dies ebenso in Bezug auf QOS und hier und da sogar auf CR und SF -, ist der Vorwurf der "Un-Bondigkeit", da Bond hier emotional zu sehr involviert sei. Natürlich erfüllt Bond meist rein professionell eine Mission im Dienst Ihrer Majestät und hat dabei seine Techtelmechtel. Das ist gut, und so kennen wir ihn alle. Aber warum hört er auf, Bond zu sein, wenn er alle Jubeljahre doch emotional etwas tiefer verstrickt ist und über gewisse Strecken oder vielleicht sogar mal für den Großteil eines Films aus Privatinteresse handelt. Ich finde es spannend, wenn wir einen Blick auf Bonds Innenleben werfen können, und alle Filme, die dies etwas ausführlicher versucht haben, halte ich auf ihre jeweilige, z.T. sehr unterschiedliche Weise für gelungen. Gleichwohl kann ich aber die "Traditionalisten" (absolut NICHT abwertend gemeint) durchaus verstehen, wenn sie sich nach drei relativen "Problem"-Bonds wieder ein klassisches Abenteuer wünschen. Aber solange es nur gelingt, nehme ich mit Freuden alles,was sich dasTeam einfallen lässt.
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Spree

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Dienstag, 24. Dezember 2013, 00:34

Als unbondig habe ich LTK nie empfunden. Und bei der letzten Sichtung sind mir auch Daltons Stärken als Bond wieder stärker ins Auge gefallen (Action, Härte, Ernst), aber besonders in TLD finden sich dazwischen zuviele Szenen, in denen er fehl am Platze wirkt (Lockerheit, Witz, Charme). Dazu hat mich der seltsame anachronistische Sexismus bei der Moneypenny-Szene irgendwie verstört. Wer ist nur auf die Idee gekommen, Bond Penny den Hintern tätscheln zu lassen wie anno 1964 Dink? :wtf: :brow:
Zu Bond 24/25: Ist der Zweiteiler mit Mendes eigtl. sicher bestätigt? Und würde der auch in einem Rutsch gedreht werden?

Aber wir gleiten etwas ab. Ich würde gerne noch etwas mehr über CR diskutieren.
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