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Django

Der Andere

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Mittwoch, 15. April 2020, 08:11

Vielen Dank für das Review.

Zitat

Man hat bei CR immer den Eindruck, einer kreativen Sternstunde beizuwohnen

Ja - ich erinnere mich noch gut und vor allem gerne an meine CR-Kino-Sichtung Ende 2006. Ich dachte einfach nur "Wow" :thumbup: ! Nach DAD war CR einfach nur herrlich erfrischend und ich vermisste weder Q, noch Moneypenny noch sonst was :D

Aber eben:

Zitat

Als Bondfilm jedoch - das musste ich bei dieser Sichtung verstärkt feststellen - erreicht er bei mir nicht die Höchstnote, vor allem im Vergleich mit den Klassikern der Reihe. [...] So beeindruckend und in sich stimmig Daniel Craigs Interpretation von Bond auch ist, ich tue mich bis heute ein bisschen schwer damit, ihn als den James Bond 007 zu sehen.

Geht mir auch ein bisschen so. Obwohl in CR wirklich hervorragend finde, kann er nicht (ganz) mit meinen absoluten Bond-Lieblingen mithalten. Und irgendwie hat sich die Franchise mit diesem Befreiungsschlag auch gleich wieder in eine Sackgasse manövriert. Zwar konnte QoS - der ja eine in der Franchise bisher in dieser Form nie vorhandene direkte Fortsetzung darstellt - den frischen Wind noch sehr überzeugend mitnehmen und weiterführen, jedoch zeigten sich bereits erste Abnutzungserscheinungen. Es zeigte sich aber, dass es so vermutlich doch nicht weitergehen konnte. Nur war leider die folgende Teilumkehr - mit im Widerspruch dazu stehender gleichzeitiger Erhöhung des "Psycho"-Faktors und, der persönlichen Betroffenheit und der Dunklen Vergangenheit - m.E. leider völliger Murks. Und so wie's ausschaut, konnte auch mit NTTD nicht wieder sauber Tritt gefasst werden :| (okay, abwarten...). Von daher frage ich mich, ob wir heute(!) nicht überzeugendere bzw. klassischere Bond-Filme hätten, hätte man PB noch einen weiteren Bond-Film machen lassen und wäre danach mit einem neuen, aber im Vergleich zu DC weniger polarisierenden Hauptdarsteller einfach den gewohnten Weg weitergefahren. Routine ist ja nie was allzu Positives oder gar Kreatives, aber in Bezug auf die Bond-Filme wünschte ich mir dennoch genau diese Routine zurück, die spätestens seit DCs einstand nicht mehr gefunden werden konnte :S . Trotzdem möchte ich natürlich CR keinesfalls missen :)

Scarpine

Verschlagener Korse

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Donnerstag, 16. April 2020, 12:18

Soo, nach Wochen, die sich wie Jahre anfühlten, konnte ich mich nun endlich mal aufraffen, die Bewertung von Casino Royale fertig zu schreiben, siehe hier.
Geht mir im Moment mit dem Vorgängerfilm genauso. Streifen gesichtet, aber mit dem Text geht es nur im Schneckentempo voran. Keine Ahnung, ob das an der lähmenden Gesamtsituation liegt. Eigentlich müsste man ja mehr Zeit haben... :huh: Aber ich bin schon sehr gespannt, deinen Essay im Vorfeld meiner Casino Royale-Sichtung zu lesen, Martin! :)
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Scarpine

Verschlagener Korse

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Donnerstag, 2. Juli 2020, 22:22

James Bond 007: Casino Royale

Bond Marathon # 00…22; Originaltitel: Casino Royale, GB 2006, Regie: Martin Campbell, Drehbuch: Neal Purvis & Robert Wade und Paul Haggis nach dem Roman von Ian Fleming, Darsteller: Daniel Craig, Eva Green, Mads Mikkelsen, Judi Dench, Jeffrey Wright, Giancarlo Giannini, Caterina Murino, Simon Abkarian, Isaach De Bankolé, Tobias Menzies, Ludger Pistor, Ivana Milicevic, Richard Sammel, Jesper Christensen u. a., Premiere: 14. November 2006

Zitat von »James Bond 007: Casino Royale«

Nachdem er in Pakistan und Prag zwei Verräter eliminiert hat, wird James Bond in das Doppel-Null-Programm aufgenommen und erhält die Kennziffer 007. Auf Madagaskar soll der Agent den Bombenleger Mollaka beschatten, doch durch einen Fehler seines Verbindungsmannes kann der Attentäter fliehen. Da sich Mollaka im Zuge einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd bis in seine Botschaft retten kann, bleibt Nullnullsieben nichts anderes übrig, als den Terroristen in Gegenwart der Wachmannschaft zu erschießen. Bond kann vom Ort des Geschehens entkommen, wurde aber bei der ganzen Aktion gefilmt. Den einzigen Hinweis, den der Doppel-Null-Mann unter Mollakas Sachen findet und auf den bevorstehenden Anschlag hinweist, ist das Codewort 'Ellipsis'. In London muss sich M vor einer durch das Videomaterial aufgescheuchten Pressemenge erklären. Sie ist außer sich vor Wut. Nullnullsieben ermittelt die bürgerliche Identität seiner Chefin und dringt am Abend in ihr Penthouse ein. Mithilfe von Ms Notebook erlangt er alle Passwörter und Sicherheitsfreigaben für das MI-6-Netzwerk. Als seine Vorgesetzte eintrifft, ist sie entrüstet. M konfrontiert Bond mit seinem Fehler und hält ihn für zu ungestüm für den Agentenjob. Sie stellt ihn vorerst vom Dienst frei, damit er aus der medialen Schusslinie gerät und über seine Zukunft nachdenkt. Nullnullsieben denkt aber gar nicht daran aufzugeben und will die Spur weiterverfolgen. Er fliegt auf die Bahamas, weil die SMS mit dem Codewort laut Spionagesatellit von hier versendet wurde. Dank der Überwachungskameras des Hotels findet er heraus, dass der zwielichtige Alex Dimitrios der Absender ist. Dimitrios ist ein krimineller Geldwäscher und Spieler. Über die MI-6-Datenbank ermittelt der Agent, dass alle bekannten Komplizen von Dimitrios bereits tot sind. Mit einer Ausnahme: Ein Mann namens Le Chiffre. Aufgrund der digitalen Abfrage weiß allerdings jetzt auch M in London, dass Bond weiter an dem Fall dran ist. Beim abendlichen Glücksspiel verliert Dimitrios seinen Aston Martin DB5 an Nullnullsieben. Dessen bildschöne Frau Solange steigt daher in Unkenntnis zu dem Agenten ins Auto. Nach einem prickelnden Flirt verführt Bond die rassige Schönheit in seinem Hotelzimmer. In der Nacht folgt er Dimitrios nach Miami. In einer Körperwelten-Ausstellung arrangiert der Mittelsmann eine geheime Übergabe für den nächsten Terroranschlag. Doch Dimitrios entdeckt den Doppel-Null-Mann und in einem Handgemenge wird der Grieche von Bond erstochen. Entsetzt entdeckt Nullnullsieben, dass die deponierte Tragetasche verschwunden ist. Im letzten Moment kann er den neuen Attentäter Carlos entdecken und den geplanten Anschlag auf einen ultramodernen Flugzeugprototypen verhindern. Dadurch verliert der Bankier Le Chiffre, der massiv Leerverkäufe gegen die Aktien des Flugzeugbauers getätigt hatte, über 100 Millionen $ an der Börse. Jetzt schuldet der Albaner seinen Kunden wie dem ugandischen Warlord Steven Obanno eine Menge Geld. Daher setzt er ein hochdotiertes Pokerturnier im Casino Royale in Montenegro an. Auf den Bahamas trifft Bond auf M, die ihm berichtet, dass die unschuldige Solange von Le Chiffres Männern für den Verrat ermordet wurde. Sie schickt ihn nur unwillig nach Montenegro, um Le Chiffre auzuhalten, beginnt jedoch langsam ihrem neuen Agenten zu vertrauen. Im Zug trifft Nullnullsieben auf die Schatzamtsmitarbeiterin Vesper Lynd, die ihm assistieren soll. Nach anfänglicher Abneigung entwickelt sich zwischen den Beiden eine zarte Romanze. Im Casino Royale hat der Agent mit Le Chiffre aber einen Gegner vor sich, der keine Skrupel kennt. Doch er findet neben Vesper in dem Kontaktmann René Mathis und dem CIA-Agenten Felix Leiter treue Verbündete. Doch keiner ahnt, dass der teuflische Le Chiffre selbst nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist und hinter ihm eine geheime Organisation mit sehr viel Macht und Einfluss steht...

Zitat von »Scarpine (2013)«

Ein harter und rasanter Agententhriller, der sich teils drastisch von den Vorgängern löst und die Reihe mit seiner Klasse nachdrücklich bereichern kann. Die Handlung ist wunderbar spannend und wendungsreich. Der Regisseur und die Besetzung vollbringen Höchstleistungen, während die Cinematographie, die Musik, das Titeldesign sowie das Production Design ebenfalls mit überdurschnittlicher Qualität aufwarten können. Der Charakter von 007 wird sehr gut ausgeleuchtet und erreicht in Verbindung mit der Liebesgeschichte um Vesper Lynd eine unereichte Tiefe. Ansonsten muss sich der britische Geheimagent als Greenhorn in einer modernen, kalten Spionagewelt bewähren, in der man niemandem wirklich trauen kann und die wahren Feinde im Hintergrund die Strippen zu ziehen scheinen. In dieser Hinsicht erweist sich der Streifen nicht nur als top-aktuell, sondern trägt auch dem Kerngedanken von Flemings Roman in voller Breite Rechnung. Ingesamt präsentiert sich "Casino Royale" als ein moderner Klassiker. Ein Film, der unter den besten rangiert und der ein Meisterstück innerhalb der Reihe darstellt.

Nach vier Jahren Pause erfolgte eine komplette Neuausrichtung des cineastischen Nullnullsieben. Eine neue Zeit, eine neue Ära, ein neuer Bond. Mit Daniel Craig versuchte Eon Productions Ltd. quasi einen Gegenentwurf zu jenem eskapistischen Kino, dem sich der letzte Serieneintrag Die Another Day noch so ausgiebig verschrieben hatte. Als günstiger Umstand erwies es sich, dass man nun den letzten verbliebenen Roman von Ian Fleming innerhalb der Reihe endlich würdig verfilmen konnte. Casino Royale ist somit sowohl ein Streifen, der zu den Wurzeln des literarischen 007 und dem Geist der frühen Connery-Filme zurückkehrt, als auch in einen sich wandelnden, popkulturellen Zeitgeist-Moment eingebettet ist. Waren in den ersten Jahren nach 9/11 zunächst vermehrt fantasiereiche, effektstrotzende Blockbuster gefragt, begann sich ab der Mitte der 2000er Jahre wie in einer Pendelbewegung der Fokus merklich zu realistischeren Sujets und gebrocheneren Heldenfiguren zu verschieben. Für Craigs Debüt kann man besonders zwei markante Einflüsse heranziehen. Einmal die Hinwendung zu Origin- und Heldengenese-Geschichten wie sie vor allem die dritte Star Wars-Episode Revenge Of The Sith und Batman Begins zeitnah populär machten und zweitens die Anlehnung an die zeitgemäßen Konkurrenten aus dem Kino und dem Fernsehen, die die gleichen Initialen wie 007 ihr eigen nennen: Jason Bourne & Jack Bauer. Tagesaktualität, realistischere Bedrohungsplots, die Vereinbarkeit von Privatleben und Killerhandwerk, die schmutzige Brutalität des Tötens, physische und psychische Deformierung, Selbstzweifel, Pflichterfüllungskonflikte, Gewissensbisse, Einsamkeit, Desillusionierung, Grauzonen, das Verwischen der Grenzen, Vertrauensverlust, verschleierte Verbindungen, verwinkelte Verschwörungen und verworrene Verbrecherpyramiden. Viele dieser Themen und Ingredienzien, die auch die erfolgreiche Bourne-Reihe und die populäre Echtzeit-Serie 24 zur gleichen Zeit auszeichnen, finden sich in Casino Royale wieder. Zugleich ist sich der Film der eigenen glorreichen Franchise-Historie bewusst und will als Literaturverfilmung ferner den Konflikten von Flemings Roman Rechnung tragen. Und auch wenn diese Neuinterpretation des Kanons zumindest das Fandom in nicht unrelevanter Weise gespalten hat, muss man dennoch einräumen, dass dieses vielschichtige Unterfangen größtenteils aufgeht. Craigs erste Mission ist eine frische Modernisierung sowohl des ersten Romans, als auch des bondschen Filmsujets und nimmt zudem die zeitgenössischen Neuerungen im Action-Sektor auf, ohne diese nur plump zu imitieren. Mit einem guten Script, einer stilsicheren Regie, einem eingängigen Soundtrack, einem unverbrauchten Hauptdarsteller, einem spielfreudigen Ensemble und durchweg exzellenter Arbeit in den handwerklichen Sektionen bietet Casino Royale wenig Anlass zur Kritik. Und dennoch ist der Film am Ende nicht ganz perfekt. Man muss sich nicht an Kleinigkeiten aufhängen, aber Craigs Interpretation der Rolle gerät im Gesamtbild dann doch – hier haben die Kritiker seiner Person nicht unrecht – etwas zu brachial und prollig und das Werk hat im Gesamtbild doch eine recht suboptimale Struktur sowie gewisse Längen. Diese Faktoren könne die Verdienste dieses Neuanfangs aber nicht im geringsten schmälern. 2006 lieferte James Bond brandheißen Gegenwartsbezug und fesselte die Zuschauer mit einem Spitzenthriller, der sich unter die gelungensten Beiträge zur Reihe mit einreiht.

Über das Schauspielerensemble kann man nur lobende Worte finden. Es handelt sich um eine der besten und stimmigsten Darstellerriegen der ganzen Serie. Bis in die kleinsten Nebenrollen hinein ist jede Figur exzellent besetzt. Der seinerzeit im Vorfeld vielgescholtene Daniel Craig kann als sechster Eon-007 bei seinem Einstand mit einer überdurschnittlichen Performance auftrumpfen. Mit Härte, Körperlichkeit, Zynismus, Willenskraft, Übereifer, Spielermentaliät, Beharrlichkeit, einfühlsamer Hingabe und einem stahlblauen Killerblick präsentiert sich der neue Bond. Dieser Nullnullsieben ist nahbarer und menschlicher als alle seine Vorgänger. Auf der Leinwand war der Charakter vermutlich nie derart vielseitig und lebendig; nicht einmal bei Timothy Dalton. Zugleich kann ich die kritischen Stimmen mittlerweile besser verstehen, die sich mit Craigs Darstellung allgemein und insbesondere in diesem Film damals wie heute nicht anfreunden konnten. Das ist auf mehreren Ebenen gut nachvollziehbar. Craigs Bond hat mit dem nonchalanten obercoolen Macho nach dem Zuschnitt seiner Vorläufer bisweilen nur noch recht wenig zu tun. Gefühle und Beziehungen gestalten sich intensiver, ebenso wie der physische Einsatz. Bond wird hart gefoltert, vergiftet; er leidet, tötet, blutet. Nullnullsieben als eine Art Übermensch ala Moonraker, der auf einer Meta-Ebene wandelt, ist Vergangenheit. Die Realität ist düster, dreckig und grimmig. Zugleich ist Craig natürlich kein klassischer Schönling, aber dafür wird sein nackter Oberkörper in einem halben Dutzend Szenen wirkungsvoll in die Kamera gehalten. Egal ob Frauen oder Feinde; alle loben seinen durchtrainierten, perfekt geformten Body. Gleichzeitig wird der Engländer in einer Art und Weise als Sprössling der working class präsentiert, wie es nicht einmal bei Connery der Fall war. Die britisch-aristokratische Note, die Moore so perfekt beherrschte und die Lazenby, Dalton und Brosnan noch ansprechend verkörperten, ist hier komplett verschwunden. Tatsächlich wirkt der muskelbepackte Craig im Smoking so verkleidet wie keiner seiner Vorgänger. Das ungestüme, rüde, dumpfe Auftreten und Verhalten eines tumben Proletariers wird dem Doppel-Null-Agenten von den raffinierten, gebildeten Frauen wie M oder Vesper genüsslich vorgehalten. Wen jedoch all diese Neujustierungen nicht stören, den muss die atemberaubende Physis des Mannes mit der Lizenznummer 006 in diesem Beitrag beeindrucken. Man muss aber auch sagen, dass die Macher im Gesamtbild mit den Stilbrüchen etwas zu sehr über die Stränge geschlagen sind. Szenenfolgen mit einem getriebenen Bond, der sich rachsüchtig ein Serviermesser greift, der Entourage des Widersachers angefressen nachtigert und der angepisst seinen Lieblingsdrink bestellt, wirken in der Rückschau schon etwas forciert und too much. Alles in allem ist diese Interpretation des besten Mannes Ihrer Majestät erfrischend anders und auf ihre Weise durchaus geglückt. Auch wenn mir Daniel Craig mit den Jahren zugegebenermaßen immer unsympathischer geworden ist, sehe ich ihn doch in seinem Debüt (und dem Nachfolger) immer wieder gern. Über die anderen Schauspieler braucht man kaum groß Worte zu verlieren. Eva Green und Mads Mikkelsen agieren hervorragend in ihren Rollen. Die Französin dürfte mit subtiler Tiefgründigkeit die wohl vielschichtigste und mysteriöseste Leading Lady in der Franchise-Historie verkörpern. Als Oberbösewicht, der selbst nur ein Untergebener von Schattenmännern ist, kann Mikkelsen mit eiskalter Präzision aufwarten und sich als bester Interpret einer Figur feiern lassen, die vor ihm mit Peter Lorre und Orson Welles bereits zwei der unbestritten größten Mimen der Filmgeschichte spielten. Giancarlo Giannini bereichert mit seinem Charisma ohnehin jeden Film und Judi Dench hat in Casino Royale nach meinem Dafürhalten ihren besten Auftritt als M. Einprägsame Nebenrollen bekleiden Isaach De Bankolé, Simon Abkarian, Caterina Murino und Jesper Christensen. Ein wenig schade ist es um die beiden deutschen Sekundanten Richard Sammel und Clemens Schick, von denen man gerne mehr gesehen hätte.

Zum zweiten Mal darf Phil Meheux einen Bondfilm fotografieren. Die Cinematographie zeigt enorm helle und warme Töne, besticht jedoch zugleich mit satten, kräftigen Farben auf einer breiten Palette. Casino Royale ist wirklich sehr schön und einprägsam abgelichtet und wirkt wie ein einziger mediterraner Sommertraum, der als Kulisse für ein großes Spiel um Liebe, Verrat und Tod dient. Die Innenräume und insbesondere die Casino-Szenen bestechen durch eine gelungene und atmosphärische Ausleuchtung. Von der dynamischen Komponente her beweist Meheux enormes Geschick, wählt interessante Perspektiven und seine Großaufnahmen sind nicht mehr so inflationär und gewollt eingestreut wie bei seinem ersten Engagement. Besonders virtuos präsentiert sich die Kameraführung im Prolog mit den zweistufigen Schwarzweiß-Szenenfolgen. Ein wenig nachlässig und lapidar sind dagegen ein paar Einstellungen in der ersten Filmhälfte geraten. Dennoch leistet der Kameramann insgesamt ausgesprochen hochwertige Arbeit. Daniel Kleinmans Vorspann ist ein verspielter Vintage-Kartenspielkosmos und als solcher neben GoldenEye und Die Another Day mit seine beste Kreation für die Serie. Auch über die musikalische Untermalung lassen sich eigentlich nur lobende Worte finden. Der Titeltrack von Chris Cornell ist eingängig und korrespondiert harmonisch mit der neuen Stilrichtung, wenngleich es sicherlich kein Song ist, der die ganz großen Spitzentitel der Reihe angreifen könnte. Fast einhellig gelobt wird in der Regel David Arnolds Score, der zumeist auch als sein bester Soundtrack für das Franchise angesehen wird. Trotz schöner, wieder klassischerer Kompositionen und der effektvollen Einarbeitung des Titellieds in die instrumentalen Melodien, empfinde ich das Album zum zweiten Craig-Bond aber doch noch ein Spur vielseitiger und hochklassiger. Auch wenn einige Schauplätze wie Nassau oder Venedig innerhalb der Serie schon häufiger genutzt wurden, sind die Locations in Großbritannien, auf den Bahamas, in Tschechien und in Italien doch ein großer Pluspunkt des Films. Besonders auf New Providence, in Karlsbad und am Comer See gelingt den Machern die Einbindung der Drehorte mit enormem atmosphärischen Biss. Letztmalig entwirft Peter Lamont die Bauten, die sich durchweg stimmig einfügen. Zwar fehlen die ganz großen, erinnerungswürdigen Sets, aber Lamont beweist mit Ms Penthouse-Wohnung und dem Interieur des Casino Royale noch einmal sein ganzes Können. Der Debütroman des Bonderfinders wurde von den Autoren gekonnt adaptiert, ausgebaut und modernisiert. Das Script besitzt Tiefe, Esprit und Witz und behandelt topaktuelle Themen. Weltweiter Terrorismus und Finanzspekulationen werden gekonnt mit zeitgenössischen Trends wie Körperwelten-Trips, Freerunning und Poker verwoben. Die Dialoge sind meist sehr trocken geraten und vereinzelt angenehm gegen den Strich gebürstet. Und doch hat das Drehbuch ein paar wenige Schwächen. Die Exposition - bis Bond endlich am Casinotisch Platz nimmt - fällt insgesamt zu lang aus und der ebenfalls stark ausgewalzte Epilog lässt dem Streifen beinahe nach hinten raus die Puste ausgehen. Und dadurch, dass die Genese von 007, sein Verhältnis zu M und seine intensive Liaison mit Vesper so stark im Mittelpunkt stehen, erscheint die Gegenseite etwas schwach beleuchtet. Gerade so interessante Figuren der zweiten Reihe wie Valenka, Kratt und Gettler hätte man für die Handlung effektiver nutzen können. Im Kontext der Gesamtserie handelt es sich aber gewiss um eine der besten Drehvorlagen. Die Inszenierung von Martin Campbell erscheint ruhiger, flüssiger, stimmiger, ja schlicht runder. Wie bei GoldenEye werden die Action-Momente rasant und halsbrecherisch zelebriert, aber die vielen Dialog- und Liebesszenen glücken dem Neuseeländer diesmal erkennbar besser und fügen sich auch nahtloser in den Filmverlauf ein. Die etwas sprunghafte Hektik seines Einstandes kann Campbell bei Casino Royale komplett hinter sich lassen und trifft beinahe in jeder Filmsekunde den richtigen Ton. Eine sehr souveräne Leistung auf dem Regiestuhl. In der Rückschau darf man Casino Royale guten Gewissens als einen der wichtigsten und gelungensten Beiträge zur Reihe einordnen, der dem cineastischen Nullnullsieben frische inhaltliche und formale Impulse bescherte und einen ganz neuen Franchise-Abschnitt begründete.

Reboot, Recollection, Reinvention – Ian Flemings erster 007-Roman bietet eine willkommene und formidable Blaupause für eine Neuinterpretation der traditionellen James Bond-Serie. Mit einem down to earth-Ansatz, echtem Thrill, handgemachten Action- und Stunt-Arrangements und einem orignären Spiongagesujet trifft Casino Royale nicht nur in der Post-9/11-Ära einen Nerv. Ein ebenso kerniger wie kompromissloser neuer Amtsinhaber überwindet gemeinsam mit den etablierten Kräften überkommene Konventionen und verankert den MI-6-Agenten mit einer Doppel-Null-Origin-Geschichte wirkmächtig in der Gegenwart. In allen Bereichen wird exzellent gearbeitet und doch ist das Werk in der Endbetrachtung nicht vollkommen makellos. Bei soviel Grimmigkeit bleibt in der Konsequenz einfach kein Auge trocken. Nichtsdestotrotz ist dieser Serieneintrag dank des transportierten Spirit '53 ein Volltreffer. Die zersetzende Paranoia des Kalten Krieges findet ihre Entsprechung im destruktiven Misstrauen des internationalen Terrorismus nach 2001. Insofern zielt die Verfilmung erschreckend effizient auf die Quintessenz des literarischen Bond-Debüts: "Arm yourself because no-one else here will save you - The odds will betray you.".

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Django

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Freitag, 3. Juli 2020, 07:53

Danke für das klasse Review, Scarpine :flower:

Ja, CR ist wahrhaftig ein grosser Moment in der Bond-Film-Geschichte, der das Franchise einerseits aus der (stilistischen) Krise holte, andererseits leider auch durch seinen Stilbruch und seine Kompromisslosigkeit mitverantwortlich dafür ist, dass sich die Filmreihe mittlerweile (und nicht erst seit Neuestem) wieder in einer Sackgasse befindet.

Scarpine

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Freitag, 3. Juli 2020, 22:19

Dankeschön, Django. :prost:
Ein sehr interessanter Gedanke! Tatsächlich habe ich nach dem Filmkonsum auch kurz diese Frage gestreift. Für mich persönlich liegt der Fall da allerdings alles andere als klar. Zwar hat man mit Casino Royale die Serie gehörig umgekrempelt, aber in eine Sackgassse haben das Franchise für meine Begriffe die Nachfolger geführt. Warum bin ich dieser Ansicht? Viele 'Probleme' haben die Nachfolger geschaffen. Vesper? - "The bitch is dead.". Wäre man dem Romanbond weiter gefolgt, wäre die Sache damit für 007 erledigt gewesen. Symptomatisch ist hier die finale Szene mit einem lässigen Craig im Connery-Style und dem angespielten Bondtheme. Viele dachten damals: "Ja, das ist es! Jetzt ist er wieder der Bond, den wir kennen und lieben. Durch diese Affäre wurde er also zum Superspion und Frauenverschleißer." Mit diesem Ausgangspunkt wäre alles (!) möglich gewesen. Auch ein Folgefilm im From Russia With Love-Stil, wo Bond in cooler Connery-Manier die Organisation ohne allzu große emotionale Altlasten für ihre Verbrechen zur Stecke bringen will, auch wenn es sicher noch den einen oder anderen Film mehr gebraucht hätte. Stattdessen hat man in Quantum Of Solace wieder ein Fass aufgemacht, in Skyfall wieder eins, in Spectre abermals und nun in No Time To Die erneut. Die Veränderung, die Stilbrüche, die emotionalen Altlasten als Trigger sind zur reinen Pose verkommen. Einer Masche, die mittlerweile noch starrer ist als die Bondformel selbst. Das kann man Casino Royale aber nur bedingt vorwerfen, denn hier stammen diese Elemente größtenteils noch direkt aus der Romanvorlage.
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Samstag, 4. Juli 2020, 01:07

Sehr schönes Review wieder! :thumbup:

Man muss sich nicht an Kleinigkeiten aufhängen, aber Craigs Interpretation der Rolle gerät im Gesamtbild dann doch – hier haben die Kritiker seiner Person nicht unrecht – etwas zu brachial und prollig ... Die britisch-aristokratische Note, die Moore so perfekt beherrschte und die Lazenby, Dalton und Brosnan noch ansprechend verkörperten, ist hier komplett verschwunden. Tatsächlich wirkt der muskelbepackte Craig im Smoking so verkleidet wie keiner seiner Vorgänger.


Empfinde ich mittlerweile recht ähnlich. Das ist auch der Grund, warum ich mich schwer tue, in Craig trotz all der Nähe zum Roman den Bond von Fleming zu erkennen.

Viele 'Probleme' haben die Nachfolger geschaffen. Vesper? - "The bitch is dead.". Wäre man dem Romanbond weiter gefolgt, wäre die Sache damit für 007 erledigt gewesen. Symptomatisch ist hier die finale Szene mit einem lässigen Craig im Connery-Style und dem angespielten Bondtheme. Viele dachten damals: "Ja, das ist es! Jetzt ist er wieder der Bond, den wir kennen und lieben. Durch diese Affäre wurde er also zum Superspion und Frauenverschleißer." Mit diesem Ausgangspunkt wäre alles (!) möglich gewesen.


Interessanter Gedanke. Im Prinzip war CR eine Art 'Dr No' und OHMSS in einem Film, und man hätte darauf die nächsten Jahrzehnte bauen können. Auch nachfolgende Darsteller hätten diese Vorgeschichte übernehmen können. Nun wird dieser Ansatz zusammen mit Craig wieder in der Versenkung verschwinden. Auf der einen Seite schade, auf der anderen vielleicht auch nicht so schlimm, weil Craig für mich eh immer so eine Art Parallel-Bond war. Gerade wegen der von dir angesprochenen Andersartigkeit seines Bonds. Er wirkte auf mich nie wie dieselbe Person, die Connery bis Brosnan darstellten.

Scarpine

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Samstag, 4. Juli 2020, 12:03

Merci, Martin. :prost: Dafür werden die Wertungen bei den Nachfolgern wohl erwartungsgemäß sinken... :(

Das ist auch der Grund, warum ich mich schwer tue, in Craig trotz all der Nähe zum Roman den Bond von Fleming zu erkennen.
Yep. Das geht mir genauso. Craig ist auf seine Art gut und glaubhaft, aber von der Figurenzeichnung Flemings ist dieser Bond fast genauso weit entfernt wie der von Moore. Den Romanbond haben Connery in seinen frühen Filmen und Dalton am besten getroffen, wie ich finde. Auch wenn ich in jüngerer Zeit ein paar Vorbehalte gegenüber Daltons Darstellung entwickelt habe, war er von der Statur, den Gesichtszügen und dem Auftreten her fast schon der Idealtyp für die Rolle. Wenn ich die Bücher zur Hand nehme, habe ich eigentlich immer Timothy Dalton vor dem geistigen Auge, was das vorzeitige Aus seiner Amtszeit immer besonders bedauerlich macht. Da wäre soviel mehr drin gewesen. Zum Beispiel mit einer Casino Royale oder Colonel Sun-Adaption in den frühen 90ern. Fleming war zu Beginn ja sogar Connery zu proletarisch, den er als "schnaufenden, bulligen Lastwagenfahrer" oder so ähnlich titulierte. Was hätte er wohl erst zu Craig gesagt? ;)
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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Scarpine« (4. Juli 2020, 12:10)


Django

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Montag, 6. Juli 2020, 07:34

Zwar hat man mit Casino Royale die Serie gehörig umgekrempelt, aber in eine Sackgassse haben das Franchise für meine Begriffe die Nachfolger geführt. [...] Mit diesem Ausgangspunkt wäre alles (!) möglich gewesen. [...] Stattdessen hat man in Quantum Of Solace wieder ein Fass aufgemacht, in Skyfall wieder eins, in Spectre abermals und nun in No Time To Die erneut. Die Veränderung, die Stilbrüche, die emotionalen Altlasten als Trigger sind zur reinen Pose verkommen. [...] Das kann man Casino Royale aber nur bedingt vorwerfen, denn hier stammen diese Elemente größtenteils noch direkt aus der Romanvorlage.

Da bin ich bei Dir. Ich mache diesbezüglich CR auch keinerlei Vorwürfe. Vielleicht habe ich mich da zu verwirrend ausgedrückt. Aber: Mit CR hat man die (stilistische) Messlatte extrem hoch angesetzt. So hatten es die nachfolgenden Filme schwer, denn entweder sie blieben - wie QoS - auf der von CR vorgegeben Spur oder sie brachen damit wie SF und SP. Und während ich QoS doch insgesamt als gelungene Fortsetzung von CR betrachte (in manchen Punkten ein Schnellschuss vielleicht, aber immer noch besser, als durchschnittlich vier Jahre vergehen zu lassen, bis man endlich einen Nachfolger rausbrachte), so tat mir die komplette, billige "Demontage" von Quantum in SP echt weh. So was sollte einfach verboten sein X(

Taight96

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Mittwoch, 18. November 2020, 10:56

Ich muss sagen ich liebe Casino Royal. Die atmosphäre am pokertisch ist einfach nur geil. ich selbst bin Pokerspieler und krieg jedes mal bock mich an nen tisch zu setzen. Oft mach ich das sogar dann einfach am handy :D ich kann euch an paar gute Live-Casinos empfehlen, wenn ihr interesse habt könnt ihr weiterlesen .

Natürlich bin ich nicht so gut wie James, aber an guten tagen bringt meine Frau mir auch einen Martini dann fühl ich mich so :thumbsup: :thumbsup: