Anläßlich des Todes des belgischen Comic-Künstlers Hermann Huppen (1938-2026) am 22. März ein kleiner Essay von mir, dem wohl eine unregelmäßige Werkschau folgen wird. Daran wollte ich mich eigentlich schon lange einmal wagen...
Der akribische Arbeiter aus den Ardennen
Le sanglier est mort. Vergangenen Sonntag ist der belgische Comic-Zeichner Hermann Huppen im Alter von 87 Jahren verstorben. Für einen Spätgeborenen war Hermann – wie der Künstler sich verkürzt nannte – immer da und es schien in Anbetracht seiner unermüdlichen Schaffenskraft, jemand wie er könne ewig leben. Mit diesem Talent, dieser Produktivität, diesem Streben. Und er bleibt lebendig. In all den Lesern, in all den Schülern, die sein mehrere tausend Seiten umfassendes Oeuvre aus sieben Jahrzehnten fesselt und anspornt. François Truffaut brachte es einmal so treffend auf den Punkt: Der Mann ist tot, aber der Autor lebt.
Als studierter Möbeldesigner und Innenarchitekt veröffentlichte Hermann Huppen 1965 erstmals eine Comic-Geschichte in der Zeitschrift "Spirou". Michel Régnier alias Greg (1931–1999), der damalige Redakteur des "Tintin"-Magazins und einer der führenden Persönlichkeiten der franko-belgischen Comicszene, war von den Fähigkeiten des Neulings überzeugt und kreierte mit ihm ab 1966 die Abenteuer-Serie "Andy Morgan" (im Original: "Bernard Prince"). 1969 folgte mit "Comanche" eine Western-Reihe, die nach "Lucky Luke" und "Leutnant Blueberry" zu einem der berühmtesten Genre-Vertreter avancierte. Beide Serien begründeten Hermanns Ruhm. In den 1970er-Jahren wurde die späteren Alben als Fortsetzungsgeschichten hierzulande im legendären "ZACK"-Heft abgedruckt. Eine Tradition, die mit der Wiederbelebung des Jugend-Magazins ab 1999 fortgeführt wurde.
Die zeichnerische Entwicklung des Belgiers vollzog sich rasant. Als erster Höhepunkt seines graphischen Stils gelten die beiden "Comanche"-Bände "Die Wölfe von Wyoming" (1974) und "Roter Himmel über Laramie" (1975) mit ihrer für den franko-belgischen Markt dieser Zeit ungewöhnlich klaustrophobischen Stimmung. Vorboten des stetig experimentierenden und sich zunehmend emanzipierenden Künstlers Hermann. Ab 1979 zeichnete er "Jeremiah"– eine Science-Fiction-Dystopie nach eigenem Szenario. Letztlich ein neuer "Wilder Westen" in einem Amerika nach einem Bürgerkrieg. Es wurde seine langlebigste Serie, in der mit all ihrer Archaik und Anarchie am meisten von ihm steckte. Hierhin kehrte er immer wieder zurück, um die Absurditäten der menschlichen Zivilisation und unserer Gegenwart zu verarbeiten.
Hermann, der im heimischen Brüsseler Atelier und seinem Sommerhaus in Saint-Bonnet-de-Bellac beinahe manisch vor sich hin zeichnete. Siebzig Stunden pro Woche, zwei Alben pro Jahr, sechzig Jahre lang. War er ein Getriebener? Vielleicht – doch zumindest ein unermüdlicher Arbeiter im Dienste der neunten Kunst. Die Attitüden eines Künstlers waren Hermann, der sich selbst oft schelmisch als das "Wildschwein aus den Ardennen" bezeichnete, fremd. Seine Passion galt der Zeichnung, seine Mission dem Erzählen von Geschichten. Vom ersten bis zum letzten Panel. Ein Provokateur war der Belgier eigentlich nur auf dem Papier. Auf Comicmessen und bei Signierstunden erschien er nahbar, uneitel und umgänglich. Privat frönte Hermann dem Fahrradfahren. Sein Rennrad war sein steter Begleiter. Die schweißtreibenden Stunden im Sattel waren ein willkommener Ausgleich zur Akribie am Zeichentisch.
Ging es um seine Arbeit wurde er hingegen zum "Eber". Er hielt sich selbst für "politisch nicht korrekt" und meinte schon vor 25 Jahren: "Ich habe den Glauben aufgeben, dass die Menschheit sich jemals bessern wird." Zumindest für franko-belgische Comicverhältnisse sorgte Hermann für Skandale: In "Comanche" richtet der Protagonist Red Dust in beklemmenden Bildern einen wehrlosen Mörder. Und Kurdy Malloy, der Sidekick des Titelhelden "Jeremiah", erschießt kurzerhand einen vorgeblich resozialisierten Täter, der kaum wieder in Freiheit ungerührt weitermachte, und seinen Therapeuten gleich mit. In diesen Momenten wird der kompromisslose und streitbare Künstler Hermann sichtbar.
Aus seinem Werk spricht mit einem existenzialistischen Blick bisweilen ein gewisser Nihilismus und Zynismus. Vom Mittelalter über den Wilden Westen bis in die dystopische Zukunft herrschen Rauheit und Gewalt. Ein Potpourri menschlicher Schwächen und Abgründe entfaltet sich beim Blättern durch seine rund 120 Alben. Und doch war der Belgier tief in seinem Innern am Ende wohl kein völliger Pessimist. Auf seinen Comicseiten entstanden ganz neue Welten, in denen man sich ob der klaren Linien und harmonischen Töne verlieren kann. Hart war Hermann vor allem gegen seine Figuren, die im kantigen Strich die Allgegenwart menschlicher Agonie auszudrücken scheinen; geradezu schwelgerisch sachte dagegen bei der Umwelt, der Flora und Fauna in all ihren Formen und Farben.
Überhaupt war die Natur das kennzeichnende Element in seinem Werk. Auf sie stürzte sich Hermann mit besonderem Eifer, sie schuf er auf Aquarellpapier beständig und besonders feinfühlig neu. Und die Natur wurde häufig zum heimlichen Hauptakteur seiner Geschichten, die mit all ihrer Schönheit und Schrecklichkeit die Protagonisten nicht selten vor größere Herausforderungen stellte als jeder menschliche Antagonist. Über die Jahre hat der Belgier seinen Stil immer wieder angepasst und perfektioniert. Von der Feder, über den Radiographen bis zur Direktkolorierung, bei der getuschte Linien ganz dem filigranen Strich des Pinsels wichen.
Eine Leistung, die auch Nichtkenner des Werks des Könners aus Bévercé (Malmedy) anerkannten. Als 1998 in Gießen im sechzigsten Lebensjahr eine Ausstellung unter dem Titel "Diesseits der Horizonte" sein bisheriges Schaffen ausgiebig würdigte, staunte das Publikum angesichts der graphischen Qualität des Wahl-Brüsselers teils nicht schlecht: "Diese Comics zeichnet ja ein richtiger Künstler." Im Laufe seiner langen Karriere erhielt Hermann viele Preise und Ehrungen wie den Grand Prix Saint-Michel, den Grand Prix de la Ville d’Angoulême und den Ordre des Arts et des Lettres.
Auch als Autor ging er stets neue Wege. Ende der 1970er-Jahre löste sich Hermann von Greg als Szenarist und gab seine Erfolgsserien "Andy Morgan" (1979) und "Comanche" (1982) nacheinander ab. Mit der Endzeit-Reihe "Jeremiah" und der Mittelalter-Saga "Die Türme von Bois-Maury" etablierte er seine eigenen Marken. Zwischendurch kreierte der Zeichner abgeschlossene Alben von denen einige, insbesondere jene aus der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wie etwa "Sarajevo Tango", "Caatinga" und "Der Tod von Wild Bill" qualitativ zu den formvollendetsten seines Oeuvres gehören. In der Spätphase seiner Karriere arbeitete Hermann vorwiegend mit seinem Sohn Yves Huppen alias Yves H. zusammen. Mit ihm als Ideengeber schuf er eine amerikanische Trilogie, diverse Einzelbände und seine letzte große Serie "Duke", einen weiteren Western. "Cartagena" – das letzte gemeinsame Opus des Vater-Sohn-Gespanns wird im April erscheinen.
In den letzten zwei Jahren seines Lebens war der Maestro, wie Freunde ihn häufig nannten, schwer an Krebs erkrankt und zeichnete dennoch beharrlich weiter. Das jeden Tag aufs Neue stundenlange Vertiefen in die jeweilige Seite des aktuellen Werkes war ihm weniger Beruf als Berufung. An Ruhestand dachte Hermann nie. Das Ende seiner Arbeit hätte für ihn den Tod bedeutet. So konnte ihn dieser nur zwischendurch ereilen. Mitten in der Entstehung eines neuen "Jeremiah"-Albums, dessen erste Seite der belgische Comic-Pionier in der für ihn typischen Beharrlichkeit noch vollenden konnte. Darin liegt die Stärke von Hermann Huppens Werk. Er hat nicht nur die Kunst, er hat das Leben veredelt.