Über Weihnachten habe ich mir endlich die Bond-Biographie von John Pearson aus den 70er vorgenommen. Bond ist darin Mitte 50 und erzählt dem Alter Ego des Autors von seinem Leben. Ich hatte mir ehrlich gesagt einiges erwartet, weil in der Sekundärliteratur (und auch in Filmen) immer wieder drauf verwiesen wird. Aber - wie so vieles von Fleming Publications Lizensiertes - wurde es eine herbe Enttäuschung.
Erwartet hatte ich eine fleminglike Origin-Story mit vielen Trainingseinheiten, Hintergründe zu den Flemingfällen und gerne auch einen unzuverlässigen Erzähler (letzteres war mein romantischer Wunschtraum, okay...). Man hätte SOOO viel draus machen können!
Ich konnte aber kaum eine Seite lesen, ohne mir zu denken: Echt jetzt?!
Hier ein paar Beispiele:
- Bond, der als 15-Jähriger der Toyboy einer französischen Puffmutter wird und "alles lernt, was er so weiß"
[Echt jetzt?! Klingt mehr nach einem Pornosetting für Jungs, die gerade ihre ersten Pickel bekommen. Aber nicht nach Bond). Er wird durch eine Intrige des MI6 dazu gebracht, sie in einem Autounfall zu töten und dann erpresst, in den Service einzutreten. Immerhin erklärt das seine Narbe.
- Bond, der als alternder Gigolo saufend in der Karibik rumhängt und Kellnerinnen in den Ausschnitt starrt [Echt jetzt?! Klingt mehr nach Dieter aus Botrop als nach Bond. Wobei: Er ist ja in Wattenscheid geboren....]
- Bond, der Honey über den Weg läuft, die sich nach der Heirat mit einem Millionär finanziell richtig gemacht hat, aber irgendwie durch und durch ordinär und billig wirkt. Honey bei Fleming ist eine komplexe Figur, diese Honey erinnert mich unangenehm an Carmen "Roooooobert" Geiss.
- Bond, der diese Honey ernsthaft heiraten will (warum versteht kein Mensch, er ist nichtmal verliebt...) - natürlich kommt es nich dazu, zumindest vorerst nicht.
- Bond, der sich quasi durchgehend benimmt wie ein Vollidiot. Ich bin ein erklärter Flemingverfechter und finde nicht, dass er toxische Männlichkeit propagiert: Er schreibt einen reflektierten, stellenweise romantischen Bond, der Gefühle ausblenden kann und muss, um seinen Job zu erledigen.
Pearsons Bond aber ist eine Steigerung von Connerys Bond, dem sogar noch sein rauer Charme und seine sexuelle Energie fehlt. Er hat keinerlei Persönlichkeit außer seine reißbrettartige, zur Karikatur verkommene "Männlichkeit", die sich in Rauchen, Saufen, Ballerei und Sex äußert (Spaß hat er auch an nichts davon).
Pearson ist sprachlich dabei ein wirklich brillanter Autor (habs auf Englisch gelesen). Aber inhaltlich ist das Buch leider so sehr verschwendete Lebenszeit, dass ich mich buchstäblich durchquälen musste.
Fazit: Verschwendete Lebenszeit. Übrigens genauso wie die Moneypenny-Diaries. Wie geil hätte das bitte werden können?! Stattdessen hat Pearson es INHALTLICH kapital versaut. Das trifft mich mehr, als ich es zugeben kann...
Was meint ihr?