Theoretisch ja, praktisch hat EON ja ein ziemlich gestörtes Verhältnis zu solchen Dingen. Craig war zwar in seiner eigenen Blase und von den Anderen losgelöst Bond, hatte aber trotzdem etwa dieselbe M wie Brosnan. Man kann argumentieren, dass Dench hier einen völlig anderen Charakter darstellt, aber für die breite Masse der Zuschauer sendet soetwas schon ziemlich widersprüchliche Signale. Ebenso wie der Umstand, dass bei NTTD plötzlich die Porträts früherer Ms aus der "alten", angeblich alternativen Zeitlinie rumhängen. Mir hat sich da immer der Eindruck aufgedrängt, dass man hier, unfreiwillig oder nicht, doch auf die sogenannte Code-Name-Theorie anspielt. Wenn man dann noch bedenkt, dass auch bei Mathis, Blofeld, und vermutlich auch anderen die Namen nur eine Art Alias waren, wird das noch plausibler. Das ist auch etwas, was mich an der Craig-Ära im Nachgang etwas stört. Wenn es um die 'Legacy' der Reihe geht, soll Craig schon in einer Reihe mit Connery und Moore stehen, schauspielerisch und dramaturgisch wird dagegen immer seine Klasse für sich - außerhalb (sprich: über) den Anderen - betont. Meiner Auffassung nach ist sein Bond entweder völlig für sich stehend - dann verbieten sich aus Gründen der Fairness eigentlich überhaupt Vergleiche mit den Anderen, da es ja, ähnlich wie Denchs zwei Ms, ein völlig anderer Charakter ist, oder er ist derselbe Bond wie die Anderen - dann muss er aber auch mit dem Vorwurf leben, die Rolle aus egoistischen Gründen nachhaltig beschädigt zu haben.
Bei aller fehlenden Liebe, aber das würde ich doch bezweifeln. Craig soll mit seinem Shakespeare-Part doch möglichst einzigartig sein. Das ist glaube ich auch der Konflikt, der Broccoli bei der Weiterarbeit lähmt. Sie liebt Craig wahrscheinlich zu sehr, um seine Filme zukünftig völlig zu ignorieren, kann andererseits aber auch nicht auf dessen Ära aufbauen, weil das ohne den GröBaZ ja schlecht möglich ist. Wenn man sich die Staffelstab-Übergaben in der bisherigen Serie ansieht, war dafür immer eine gute Portion Respektlosigkeit erforderlich. Lazenby sagt ironisch zum Zuschauer "Das wär dem Anderen nie passiert", Connery ignoriert Lazenby dann völlig, Moore hat eigene Automarken und Rauch- und Trinkgewohnheiten, bei Daltons Einstieg werden die beiden Vorgänger durch die anderen Doppelnullagenten parodiert, Brosnan transferiert sich per Rückblende einfach mal vor Dalton und Craig zeigt dann eine totale Respektlosigkeit, à la "Sehe ich so aus als ob mich das interessiert?". Ich glaube, diese ironische Distanz und die Bereitschaft, heilige Kühe abzuschießen, fehlt Broccoli bei ihrem Sankt Daniel völlig.
Wir Fans neigen ja dazu, das Franchise zu ernst zu nehmen. Dabei ist es nicht der Hardcore-Fan, der über das Wohl und Wehe von Bond entscheidet, sondern das allgemeine Publikum und dessen Wahrnehmung. Insofern würde ich die Codename-Theorie ganz außen vorlassen. Außerhalb des Fandoms spricht darüber kein Mensch, und sie geht auch bei keinem Darstellerwechsel auf. Ich halte es für durchaus möglich, dass Bonds Tod bei Gelegenheits-Guckern ("Ach, war der nicht tot?") ebensolche Irritationen, nämlich keine, auslöst wie die wiederholten Erstbegegnungen mit Ernst Stavro (derzeit: 3, wenn man Franzl mitzählen mag).
Die Quasi-Kontinuitäten bei der Beibehaltung von Nebendarstellern ist auch eher fürs Herz als fürs Hirn. Siehe Desmond, der als Q unter 5 Darstellern diente, während es 3 M gab (oder 2, je nachdem, wie autark man Robert Brown sehen möchte) und drei sehr unterschiedliche Moneypennys, wobei die Wechsel mit Ausnahme von Robert Brown auch stets mit den Darstellern vollzogen wurden, was die Beibehaltung von Q noch auffälliger macht. Interessant ist die Frage, ob auch Desmond nach Brosnans Entlassung in den Ruhestand versetzt worden wäre. Cleese in die Wüste zu schicken, war sicher ein leichtes Opfer. Hat jemals jemand einen neuen Leiter als Signal für ein zumindest konkludentes Reboot verstanden?
Aber meiner obigen Adventsfantasie (und mehr ist es nicht, schon BB geschuldet) würde nicht widersprechen, wenn Bond Nr. 007 seine erste Mission von Ralph Fiennes erhält, dabei sogar mit Naomie Harris flirtet und von Ben Wishaw mit Gimmicks ausgestattet wird. Er könnte trotzdem er selbst sein und uns auf ein unbeschwertes Abenteuer mitnehmen, wenn man ihn nur ließe - obgleich ich aufgrund der verbrannten Erde auch hier Umbesetzungen vorziehen würde, abgesehen vielleicht von Fiennes, damit er endlich den M zeigen kann, den EON ihn zu spielen leider bislang gehindert hat .
Das würde auch genug Kontinuität bieten, um mit Craig zu brechen (wie bei Judi Dench, um Brosnan zu verabschieden), ohne St. Daniel (setzt sich das langsam durch?) offen den ihm gebührenden Mittelfinger zu zeigen, Stichwort: Loyalität (auch gegenüber solchen, die auf Letztere, pardon, geschissen haben).
In diesem Sinne sehe ich auch die Darstellerübergänge weniger als Akt des gewollten Bruchs, sondern als jeweils höchst individuelle Übernahme der Tradition: Lazenbys Hinweis auf den "other feller" ist eher Understatement in eigener Sache als Respektlosigkeit, nicht umsonst wird in dem Film der noch jungen Historie vom Vorspann an durchgehend Tribut gezollt, ohne die eigenen Akzente zu vernachlässigen. Bei Moores Debüt ist der Übergang scheinbar schroffer, doch schon die zig Parallelen zu DN deuten eher auf Kontinuität. Dass Daltons Doppelnull-Kollegen Abbilder seiner Vorgänger sein sollten, mag geplant gewesen sein, aber ist das jemals jemandem ohne vorheriges Sekundärliteraturstudium aufgefallen? Vielmehr war es doch die Anknüpfung an den "Ur-Bond" (Fleming und ganz früher Connery), die einen Teil des Fandoms verzückte und das Massenpublikum befremdete. Bei Brosnan kann man die GE-PT auch als Hommage an Dalton sehen - die späten 80er und der Epochenbruch, die Daltons allzu kurze Ära kennzeichneten, werden gegenwärtig, bevor sich Brosnans Bond einer neuen Welt stellen muss. Und auch Craig/Campbells Einführung wurde zumindest zunächst weniger als Aufbruch in die Zukunft denn als ein radikales back to the roots verstanden.
Insofern darf auch Bond Nr. 007 bei allen Freiheiten gerne an die Traditionen anknüpfen. Gerne auch an den frühen Craig, als dieser noch nicht des (Agenten-)Lebens müde war, sondern noch seinem Lieblingshobby frönte: Wiederauferstehung.