Posts by Baron Samedi

    "Everything done by the book. Can't make a decision unless the computer gives you the go ahead. Now you're on this. I hope we're going to have some gratuitous sex and violence."


    (Algernon (Q) in NSNA)

    The Foreigner (2017)


    Dicht inszenierter Thriller von GE- und CR-Regisseur Martin Campbell, in dem Ex-007 Pierce Brosnan als irischer Politiker im englischen Original endlich tun darf, was ihm als Bond nie vergönnt war: (s)einen herrlichen irischen Dialekt auspacken. Zur Story: Eine IRA-Splittergruppe tötet bei einem Bombenanschlag in London die Tochter eines chinesischen Einwanderers (gespielt von Jackie Chan). Dieser macht sich daraufhin - als Ex-Elitesoldat mit den notwendigen Fähigkeiten dafür ausgestattet - auf eigene Faust auf die Suche nach den Tätern und nach Gerechtigkeit.


    Der Film hat mir ausnehmend gut gefallen. Zunächst einmal erledigt er zuverlässig seine Pflichtaufgaben, will heißen, er funktioniert gut als spannungsreicher Actionthriller. Im Allgemeinen habe ich bei Jackie Chan-Filmen ja immer ein bisschen die Befürchtung, dass sie zu clownig ausfallen. Das ist hier jedoch überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil verkörpert Chan sehr glaubwürdig die gebrochene Hauptfigur, die trotz aller Verzweiflung mit stiller Entschlossenheit und unnachgiebiger Beharrlichkeit ihr Ziel verfolgt. Dabei gelingt es dem Film, die Erzählung beständig auf der Kippe zu halten und den Zuschauer im Ungewissen darüber zu lassen, ob und wie es für die Hauptfigur weitergehen wird.


    Darüber hinaus bietet der Film eine Vielzahl facettenreicher Charaktere und bezieht sehr viel Spannung auch aus deren Interaktion und dem Widerstreit ihrer unterschiedlichen Motive. Insofern verlässt der Film sich im Unterschied zu anderen Vertretern seines Genres nicht lediglich auf seine Actionsequenzen.

    Honest Thief (2020) mit Liam Neeson


    Eigentlich bin ich ja großer Fan des Action-Spätwerks von Liam Neeson. Taken (2008 ) etwa gehört zu meinen Lieblingsfilmen und ist eine Perle des "Ex-Spezialeinheit-Angehöriger mischt Bösewichte auf"-Genres, Unknown Identity (2011) glänzt mit Spannung und einem wirklich überraschenden Plottwist, um nur einige wenige zu nennen.


    Umso freudiger meine Erwartung, einen Actionfilm mit Liam Neeson zu sehen, den ich bislang noch nicht gesehen hatte. Leider erfüllte Honest Thief die Erwartungen nicht. Zwar handelt es sich um einen passablen Film, der durchaus unterhaltsam ist und auch die ein oder andere gute Autoverfolgungsjagd zu bieten hat. Auch die Kameraeinstellungen sind teilweise schick gewählt, etwa wenn Liam Neeson in einem abgedunkelten Van an einer Kreuzungsampel steht und sich der Entdeckung durch einen an der gegenüberliegen Ampel stehenden Polizeiwagen zu entzioehen versucht.
    Leider bietet der Film schlicht zu wenig Story und zu wenige und zu eindimensionale Charaktere, um wirkliche atmosphärische Dichte zu kreieren. Vergleichbar einem zu dürftig ausfallenden Pizzateig, der auf Backblechgröße ausgerollt wird und daher an der ein oder anderen Stelle Löcher zeigt. So spult sich das Geschehen etwas vorhersehbar und mechanisch ab, ohne den Zuschauer wirklich in seinen Bann zu ziehen. Ohne zu spoilern: Es gibt auch die ein oder andere Handlung des Hauptcharakters im Film, die man als Zuschaier nicht nachvollziehen kann, weil sie ungeschickt bis unverständlich wirkt und ganz offensichtlich negative Konsequenzen hat, die der Hauptcharakter aber nicht zu sehen scheint. Das sollte in einem Film, in dem man gerne einem abgebrühten Profi bei der Arbeit zusehen will, nicht passieren.


    Insgesamt kein Totalausfall, aber es bleibt zu hoffen, dass der nächste Neeson-Actionstreifen wieder besser wird.

    Was mich an TMWTGG immer begeistert, ist wie natürlich und weltmännisch sich Bond an Orten wie Macao oder Bangkok bewegt und dass der Film sich zudem Zeit nimmt, die Locations und Bonds Interaktion mit ihnen ausreichend einzufangen. Irgendwie ist dieses Element des lässigen Flanierens von Bond in fernen Gefilden, das für mich immer ein wichtiger Bestandteil der Filme war, mit Brosnan und Craig verloren gegangen.

    Icebreaker (Roman; A: John Gardner; VÖ: 1983)


    Der Spion der aus der Kälte kam... James Bond ist diesmal im eisigkalten Grenzgebiet zwischen Finnland und der Sowjetunion unterwegs, um einer neofaschistischen Bande das Handwerk zu legen, die Waffen aus der Sowjetunion in den Westen schmuggelt.


    Was mir an diesem Roman gefallen hat, ist das Schnee-und-Eis-Setting, in dem Bond sich im wahrsten Sinne des Wortes warm anziehen muss. Das war im Grunde längst überfällig, dass der einsame Wolf James Bond mit seinen - zumindest in der literarischen Welt - oft melancholischen Zügen sich einmal in der Finsternis und Kälte Skandinaviens wiederfindet und mit dickgefütterten Stiefeln statt feinen Lederschuhen durch die Gegend stapfen muss.


    In der besten Szene des Buches muss Bond sich denn auch in seinem Saab des Angriffs mehrerer monströser Schneepfluge erwehren, die ihn mit ihren Klingen unbarmherzig zu zermalmen drohen. Das passt hervorragend in das bereits genannte Schnee-und-Eis-Setting, ist eine gute Aktualisierung des Drachenfahrzeugmotivs aus Dr. No und hat wie eben dieses etwas vom urtümlichen Kampf gegen Ungeheuer - ein Motiv, das sich gerade in den Fleming-Romanen häufig findet (auf die Spitze getrieben in Dr. No mit dem Kampf gegen den Riesenkraken).


    Dünn geraten ist leider die Darstellung der Schurken, die als stereotype Abziehbilder daherkommen. Zudem übertreibt Gardner es in diesem Roman mit dem Verwirrspiel um die Charaktere und ihre verborgenen Motive und verschleierten Identitäten. Wenn die Hauptfiguren dem Autor nur noch dazu dienen, den Leser möglichst lange an der Nase herumzuführen, werden sie schnell uninteressant und wirken mehr wie Scherenschnitte als wie plastische Figuren.


    Nun brauche ich erstmal eine literarische Pause von John Gardner mit dem Dumas-Klassiker "Die drei Musketiere".

    Ui, Fallout dabei :thumbup:
    Der hat aktuell sogar meinen bisherigen Lieblingsteil der Reihe, nämlich De Palmas unterschätztem Meisterwerk, abgelöst.
    Und den würde ich auch direkt nach meinen zwei Lieblings Bondfilmen einordnen.

    So ähnlich geht es mir auch. Schon seit Ewigkeiten gehört Brian De Palma's brillanter Thriller zu meinen absoluten Lieblingsfilmen und war - trotz der hervorragendenTeile vier und fünf - stets der Vertreter des M:I-Franchises in meinen Top 10. Fallout ist allerdings so epochal und so strotzend vor genialer Einfälle, dass er es tatsächlich geschafft hat, den Film von 1996 in dieser Hinsicht abzulösen. Tom Cruise gelingt mit seiner Reihe momentan das, was Cubby Broccoli einmal für die Bond-Filme vorgegeben hat: ein Feuerwerk von Einfällen und spektakulären Sequenzen zu sein, bei der jeder Film den Vorgänger noch übertrifft. Man muss es etwas schmerzlich konstatieren: In den 2010er-Jahren ging das Agentenduell Bond vs. Hunt recht deutlich an Ethan.


    Ich habe allerdings auch mit Ronin schon ähnlich lange wie M:I 1 einen weiteren klassischen Agententhriller in den Top 10 vertreten. Mit Fallout ist dann auch der Agentenfilm repräsentiert, der zugleich ein großes Actionspektakel ist.

    The Terminator ist auch in meiner Top 10.

    Völlig zu Recht... Ein visuell genialer und ungemein spannender Film des Technik-Noir mit dem von mir hochgeschätzten Arnold Schwarzenegger in Idealbesetzung.

    Von dem hab ich ehrlich gesagt noch nie was gehört. Lohnt sich der ohne Vorkenntnisse?

    Das kommt darauf an ;) Ich liebe nunmal Noir-Detektivgeschichten a la Raymond Chandler und zugleich auch Filmkomödien, die in diesem Genre angesiedelt sind, wie etwa Die nackte Kanone. Ford Fairlane ist in diesem Bereich mein Favorit. Aber Achtung: Andrew Dice Clay's Humor ist sicher nicht jedermann's Sache. Wenn man eher feinsinnige und subtile Komödien mag, sollte man lieber die Finger von dem Film lassen. Auch ist der Protagonist deutlich großmäuliger und selbstgefälliger als Lieutenant Fran Drebin in den Nackte Kanone-Filmen (vergleichbar etwa dem Videospielcharakter Duke Nukem, falls bekannt...) und der Humor derber als der Slapstick-Humor der Nielsen-Filme. Wenn man hingegen dieser Art von Humor etwas abgewinnen kann, kann ich Ford Fairlane nur empfehlen.

    Eine interessante Liste!

    Danke! Wenn ich allerdings nochmal drübergucke, fehlt mit The Name of the Rose (Jean-Jacques Annaud, 1986) eigentlich einer meiner absoluten Lieblingsfilme... Vielleicht beim nächsten Update.


    Man kann nur hoffen :S . Ich will endlich wieder mal einen Bond ohne Verrat, dunklen Vergangenheiten, seltsamen Verwandtschaftsverhältnissen, ohne andauernde Zweifel und Rache als dominierendes Thema. Und wie es ausschaut, wird NTTD das definitiv nicht bieten können X(


    Deine Ausführungen waren kein Wort zu lange. Sehr spannend zu lesen :friends:


    Schließe mich an!

    Besonders gefreut habe ich mich nach langer Zeit auf Pierce. Seit ich mit Craig etwas zu fremdeln begonnen habe, blickte ich, ohne es zu verifizieren, immer positiver auf die klassischer anmutende Brosnan-Ära


    Interessant zu lesen. Geht mir ähnlich, wobei ich ohnehin TND schon lange für einen starken Bondfilm und GE gar für einen der großen Klassiker der Filmreihe halte.


    Kürzlich habe ich nach Ewigkeiten nochmal DAD geschaut, und ich muss sagen, dass der Film mir richtig Spaß gemacht hat. Auch wenn Bond am Anfang gefangengenommen wird: Nach gut 20 Filmminuten ist er wieder ganz der charismatische und souveräne Agent, den man aus der klassischen Bond-Ära kennt und schätzt. Natürlich ist er auch auf Rache aus. Doch im Gegensatz zu Craig gibt es hier keine endlosen und zermarternden Grübeleien über die Vergangenheit, sondern ganz einfach eine zielstrebige Verfolgung seiner Mission. Zudem kann der Film viele bondige Elemente und Szenen - über ein bloßes Zitieren der Vorgängerfilme hinaus - aufweisen (Schwertkampf, Eispalast, Verfolgungsjagd zwischen Aston Martin und Jaguar, der selbstbewusste Flirt mit Jinx ...) und verfügt mit Toby Stephens über einen guten Bösewicht.


    Insgesamt ist DAD mit Sicherheit kein Meisterwerk, liegt für mich aber deutlich vor dem verkorksten SPECTRE.

    Mal eine Aktualisierung 2020. Diesmal habe ich versucht, eine ausgewogene Mischung meiner drei Lieblingsgenres Agenten-/Politthriller, Crime/Noir und Abenteuer hinzubekommen. In alphabetischer Reihenfolge:


    The Adventures of Ford Fairlane (Renny Harlin, 1990)


    Gladiator (Ridley Scott, 2000)


    Hard Boiled (John Woo, 1992)


    John Wick (Chad Stahelski, 2014)


    The Living Daylights (John Glen, 1987)


    Mission: Impossible - Fallout (Christopher McQuarrie, 2018 )


    Raiders of the Lost Ark (Steven Spielberg, 1981)


    Ronin (John Frankenheimer, 1998 )


    The Terminator (James Cameron, 1984)


    Troy (Wolfgang Petersen, 2004)

    Leider hat er aber Woods Ansatz übernommen, den literarischen Bond von Fleming in seiner Gegenwart fortzuführen.


    Stimmt, das wirkt teilweise recht aufgesetzt. Etwa, wenn Bond in For Special Services seine Freundinnen Revue passieren lässt und Gardner dabei zunächst von Vesper Lynd über Gala Brand bis hin zu Kissy Suzuki so ziemlich jedes Bond-Girl aus Fleming's Feder nennt, um dann als "jüngste Eroberung" seine eigene Erfindung Lavender Peacock aus seinem ersten Roman aufzuführen. Eine sehr bemühte Methode, um dem Leser deutlich zu machen, dass hier auch wirklich eine Kontinuität zu Fleming besteht.

    Viele seiner Ideen waren richtig gut, und tauchten ja dann 'zufällig' auch in den Filmen auf.


    Den Eindruck habe ich auch. Die Szene in For Special Services, in der Bond und Cedar von den Schurken in einem Aufzug gefangen werden und durch den Fahrstuhlschacht entkommen müssen, wurde recht offensichtlich drei Jahre später in AVTAK mit Roger Moore und Tanya Roberts filmisch umgesetzt.

    Und mal ehrlich: Der literarische Bond ist doch mit dem erfolgreichen Übertritt von Bond auf die Leinwand ab 1962 obsolet geworden

    Da bin ich ganz ehrlich anderer Auffassung. Ich finde es faszinierend, dass das Bond-Universum so viele Facetten hat und es eben nicht nur die Kinofilme gibt. Bond war bereits eine literarische Figur, ein Comic-Strip und eine TV-Verfilmung bevor überhaupt der erste Kinofilm veröffentlicht wurde. Ich kann es in gewisser Weise verstehen, wenn man den literarischen Bond ausschließlich mit Fleming identifiziert. Dennoch interessiert mich auch die Darstellungs- und Herangehensweise der Nachfolgeautoren. Und schließlich würde ich auch die jüngeren Filme nicht als obsolet bezeichnen, weil die zentralen Persönlichkeiten der klassischen Bond-Filme wie Cubby Broccoli, Richard Maibaum, John Barry und Ken Adam verstorben sind. Wobei ich allerdings auch schon von einigen Leuten gehört habe, dass die eigentlichen Bond-Filme für sie mit Sean Connery aufhören... was wie gesagt trotz aller Verehrung für Sir Sean nicht meine Auffassung ist ;)

    For Special Services (Roman; A: John Gardner; VÖ: 1982)


    In Gardner's Zweitling arbeitet Bond mit Cedar Leiter, der Tochter seines besten Freundes Felix Leiter zusammen. SPECTRE hat sich wieder aus der Asche erhoben, wie wir bei einem Treffen der Verbrecherorganisation zu Beginn des Buches - nach einer von Bond verhinderten Flugzeugentführung - erfahren. In typischer SPECTRE-Manier wird bei dieser Gelegenheit auch gleich ein verräterisches Mitglied bestraft, diesmal, indem es einer Riesenpython zum Fraß vorgeworfen wird.


    Spannend schreibt Gardner in diesem Roman, das muss man ihm lassen. Auch wenn die Geschichte einige Logiglücken und Elemente aufweist, die ein wenig an den Haaren herbeigezogen scheinen - ich habe den Roman mit nur wenigen Pausen zügig durchgelesen, um endlich die Auflösung zu erfahren. Denn im Gegensatz zu Fleming lässt Gardner seinen Leser hier im Unklaren und gerne auch mal raten, was es mit der ganzen Geschichte auf sich hat.


    Dafür fehlt Gardner - wie bereits in seinem ersten Bond-Roman Licence Renewed - der märchenhafte Charme der meisten Fleming-Geschichten. Er ist eben mehr ein solider Thriller-Autor und steht mit der Art und Weise, wie er Action erzählt, sowie mit seiner Gadget-Verliebtheit eher in der Tradition der Filme als in der Tradition Flemings. Insofern unterscheidet er sich deutlich vom ersten Bond-Nachfolgeautor Kingsley Amis, der sich in seinem Bond-Roman Colonel Sun durch seinen Protagonisten James Bond hindurch deutlich verächtlich über den neuen Gadget-Wahn äußert. Natürlich fährt Bond bei Gardner auch einen mit allerhand Extras ausgestatteten Wagen, einen Saab 900 Turbo, der hier u.a. bei einem Autorennen - einer der besten Szenen des Buches - gegen einen schurkischen Gegner zum Einsatz kommt.

    Licence Renewed (Roman; A: John Gardner; VÖ: 1981)


    Der Bond-Erstling von John Gardner ist ein ordentlicher Thriller, dem allerdings das Abenteuerflair und die Exotik abgehen, die die meisten Werke von Ian Fleming auszeichnen.


    Schade fand ich vor allem, dass die vielleicht schönste Idee des Romans - Bond's Teilnahme an den Highland Games, die von Bösewicht Dr. Anton Murik auf dem Gelände seines schottischen Schlosses veranstaltet werden - verheißungsvoll aufgebaut und angekündigt, dann aber recht schnell und unbefriedigend abgehandelt wird. Angesichts Bond's schottischer Wurzeln, seines Hangs zu risikoreichen Spielen und der Virilität, die mit Highland Games assoziiert wird, ist das eigentlich ein sehr bondiges Szenario. Und abgesehen von den albernen Szenen mit den Kanonenkugeln im Film CR '67 wüsste ich nicht, wo das Thema sonst im Bonduniversum schonmal aufgegriffen wurde.


    Highlight des Romans sind für mich die Szenen in Perpignan. Wie Bond seine Verfolger im Gewühl des Saint Jean-Festes abzuschütteln versucht, wie er seine Ortskenntnisse von früheren Besuchen der Stadt nutzt, um sich Zugang zum Palais des Rois de Majorque zu verschaffen - das ist Verschmelzung von spannungsgeladener Handlung mit Lokalkolorit und Bond'sche Weltgewandtheit in bester 007-Tradition.

    Oh - dann gab es in den letzten Jahren aber doch einige Filme, die Dir diesbezüglich wohl nicht so zugesagt haben ;) .


    Einer der mehreren Gründe, warum TWINE und SPECTRE ganz unten auf meiner Bestenliste stehen ;) Beide Filme bedienen sich übrigens großzügig bei Colonel Sun, TWINE eben im Hinblick auf die Entführung von M (bei einigen Passagen in Zusammenhang mit M's Gefangenschaft sah ich direkt Bilder aus TWINE vor meinem inneren Auge) und SPECTRE im Hinblick auf die Folterszene, teilweise bis hin zur wörtlichen Übernahme von Dialogen:


    SPECTRE: "(...) a man lives inside his head. That's where the seat of his soul is. James and I were both present recently when a man was deprived of his eyes and the most astonishing thing happened, didn't you notice? He wasn't there anymore. He had gone even though he was still alive, so this brief moment between life and death, there was nobody inside his skull. Most odd."


    Colonel Sun: "A man lives inside his head. That's where the seat of his soul is. And this is true objectively as well as subjectively. I was present once - I wasn't directly concerned - when an American prisoner in Korea was deprived of his eyes. And the most astonishing thing happened. He wasn't there anymore. He'd gone, though he was still alive. There was nobody inside his skull. Most odd, I promise you."


    Wobei ich davon auch kein Fan bin: M, Moneypenny, Q - das ist Bonds heile Welt, sein Hafen, seine Heimat, der er vertrauen kann. Als Kontrast zu seinen Aufträgen, wenn er "raus in die gefährliche Welt" geschickt wird. Daher sollte diese heile Welt auch klar von der Auftragserfüllung von Bond - der ja im Grunde genommen eine One-Man-Kampfmaschine ist - abgegrenzt sein. Ich mag's halt simpel

    Ganz genau so sehe ich es auch! Auch wenn gerade der M bei Fleming mitunter ein kaltherziger Bastard ist, der einen depressiven, weil gerade verwitweten Bond loswerden will (YOLT),ihn auf eine wahrscheinlich todbringende Mission schickt (TMWTGG) oder ihn für eine persönliche Rache instrumentalisiert (FYEO): Letzten Endes bleibt er immer die Vaterfigur, zu der Bond zurückkehren kann und die er respektiert und verehrt. "Im Feld" hat M im Rahmen der Bond-Stories nichts verloren, auch wenn er früher selbst bei der Marine gewesen sein mag.


    Vielleicht hat Amis den Charakter auch nur ein wenig leiden lassen, weil er ihn nicht mochte... heißt es jedenfalls auf Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Colonel_Sun im Abschnitt "Characters and themes").

    man merkt, dass bei Fleming irgendwie die Luft draussen war. Das zeigte sich dann auch beim folgenden und letzten Bond-Roman von Fleming, TMWTGG.

    Stimmt, TMWTGG erreicht nicht mehr das Niveau der Vorgänger. Wobei es auch hier Elemente gibt, die mir sehr gut gefallen. M's genüssliche Lektüre des Scaramanga-Dossiers beispielsweise... hier kann ich M's Freude an den Ausführungen des ominösen "C. C." sehr gut nachvollziehen. Was für ein toller Job, in dem man solche Akten zu lesen bekommt!


    Da meine letzte Lektüre von Fleming's letztem Roman allerdings noch nicht so lange her ist, habe ich mir erlaubt, ihn zu überspringen, und mit dem ersten Roman eines Fleming-Nachfolgeautors weitergemacht. Colonel Sun von Kingsley Amis, verfasst unter dem Pseudonym Robert Markham, weist viele Fleming-Elemente auf und formuliert an vielen Stellen mindestens ebenso schön wie der Meister selbst ("It was only when you looked Sun straight in the eyes that he seemed less than totally Chinese. (...) But then not many people did look Sun straight in the eyes. Not twice, anyway.")
    Weniger gefällt mir hingegen die Story, die eine Entführung von M als Aufhänger für die weiteren Entwicklungen nimmt. Ich bin kein großer Freund davon, M persönlich in die Story zu verwickeln. Zudem finde ich die Handlung etwas dröge und technisch erzählt. Insofern haben die Fleming-Romane in der Regel mehr Abenteuerflair, vielleicht auch deswegen, weil Fleming mehr erlebt hat und seine persönlichen Erfahrungen oft in seinen Geschichten verarbeitet.
    Der Hauptschurke hingegen ist in jeder Hinsicht Fleming-würdig, eine faszinierende und zugleich irritierende und abstoßende Vereinigung widersprüchlicher Charakterzüge, der etwas puppenhaftes anhaftet. Wenn dieses Monster gegen Ende des Romans Bond foltert, rollen sich die Zehennägel hoch.


    Insgesamt ist Colonel Sun eine interessante Bereicherung für den literarischen Bondkanon.

    Gerade nochmal You Only Live Twice und The Spy Who Loved Me von Ian Fleming gelesen.
    YOLT ist neben LALD mein liebster Fleming-Roman. Man spürt richtig, wie tief Fleming sein Japan-Besuch beeindruckt haben muss. Gekonnt lässt er seine neuen kulturellen Erfahrungen in die fesselnden Dialoge zwischen Tiger Tanaka und Bond einfließen, die sich um Leben und Tod, Freundschaft und Feindschaft, Ehre und Gesichtsverlust drehen. Dabei erzählt YOLT eine traumhaft-unwirklich anmutende Abenteuergeschichte von einem, der auszieht, den Drachen im dunklen Schloss zu erledigen. Der Todesgarten, der das Schloss umgibt, ist wohl eine der denkwürdigsten Locations des literarischen Bonds.
    TSWLM mit seiner ungewöhnlichen Erzählweise aus der Ich-Perspektive der Protagonistin Vivienne Michel mutet dagegen wie eine etwas pubertäre Männerphantasie an. Auch sind die Hauptschurken des Romans, Horror und Sluggsy, selbst eher durchschnittliche Handlanger, weswegen es an einem nachhaltig beeindruckenden Bedrohungsszenario fehlt. Immerhin sind die beiden in typischer Fleming'scher Bösewichtmanier mit viel Liebe zum Detail beschrieben.